Können kleine Vereine weiter bestehen? 

Markus Kurscheidt: Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Breiten- und Freizeitsport sind zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer abzuschätzen. Manche Dorf- und Stadtteilvereine werden sich mit unlösbaren Finanzlagen konfrontiert sehen. Viele kleinere Sponsoren werden sich aufgrund eigener Wirtschaftsprobleme zurückziehen. In den höheren Amateurklassen wird man keine Aufwandsentschädigungen mehr an Spieler zahlen können. Teilweise könnte der Spielbetrieb in Gefahr geraten, weil die Klubs nicht mal mehr die Reisekosten zu Auswärtsspielen bestreiten können. Eine massive Konsolidierung in den vielen Spielklassen des Breitensports ist nicht ausgeschlossen. Allerdings haben die Regionalverbände und Städte diverse Instrumente, um Härten in dieser Situation abzufedern. Ich befürchte dennoch, dass eine nennenswerte Zahl an Vereinen die Krise nicht überstehen wird. Ein Fokus sollte sein, erfolgreiche Jugendabteilungen vor der Schließung zu retten. Denn hier wird im Breitensport zugleich hervorragende soziale Arbeit geleistet.

Wird sich der Sport als Unterhaltungsevent nach Corona verändert haben?

Kurscheidt: Grundsätzlich erwarte ich keine gravierende Veränderung des Geschäfts- und Unterhaltungsmodells im Profisport. Der Trend der sogenannten Eventisierung wird ungebrochen bleiben, und die Fans freuen sich schon jetzt darauf, wenn es wieder losgeht. Die Corona-Krise ist aber definitiv eine Zäsur im erfolgs-verwöhnten Spitzensport. Zuletzt haben die Verantwortlichen im Profisport ungewohnt oft etwa vom „Kulturgut“ Fußball gesprochen, während vorher mehr vom „Premiumprodukt“ und der „Marke“ die Rede war. In diesen Tagen müssen alle schmerzlich feststellen, dass das Sportbusiness immer noch beim Wettkampf und den sportlichen Werten auf dem Platz beginnt – und zwar mit der Atmosphäre durch die Fans und nicht in Geisterspielen wie im TV-Studio. Ich erwarte und hoffe, dass diese heilsame Erfahrung sich auch in verbesserten Beziehungen zwischen den Sportfunktionären und den Fans niederschlägt. Wir sollten nicht vergessen, dass im Fußball vor der Krise die Konfrontation zwischen den Anspruchsgruppen die Schlagzeilen und Debatten bestimmte.

Wird es noch Millionen-Gehälter und -Transfersummen geben?

Kurscheidt: Infolge der Einnahmeausfälle wird es vorerst einen dämpfenden Effekt auf die Gehälter und Transferzahlungen geben. Die Frage ist, wie einschneidend und nachhaltig dies der Fall sein wird. Entscheidend wird im Fußball zudem sein, wie stark Großbritannien und damit die englische Premier League noch unter der Corona-Krise leiden wird. Denn die umsatzstarke Liga von der Insel war stets der Treiber in der Entwicklung. Die anderen europäischen Konkurrenzligen aus Italien, Spanien und Frankreich sind bereits stark betroffen. Die spanische Primera Division hat den Spielbetrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt. Im Eishockey und Basketball hat man die besondere Situation, dass die vielen nordamerikanischen Spieler ihre Verträge aufgelöst und sich in ihre Heimatländer verabschiedet haben. In Teilen muss hier ohnehin ein Neuaufbau der Kader stattfinden, dessen Ausgang noch ungewiss ist.

Die Spende von Leipzig, Bayern, Dortmund und Leverkusen - ist das nur PR? Zumal die Vereine 12,5 der 20 Mio. Euro nicht direkt aus den Vereinskassen zahlen, sondern aus DFL-Rücklagen.

Kurscheidt: Zunächst habe ich mich gewundert und auch etwas gefreut, dass die Champions League-Teilnehmer aus der Fußball-Bundesliga aus freien Stücken auf die letzte Tranche der TV-Gelder verzichten plus eine gewisse Zusatzzahlung. Auf den zweiten Blick ist es aber in Prozentpunkten vom Gesamtumsatz kein großer Verzicht für diese Spitzenklubs. Auch ist noch unklar, ob die Inhaber der TV-Rechte die volle Summe zahlen werden. Denn die Leistung hierfür, nämlich mitreißende Spiele vor begeisterten Zuschauern im Stadion, kann ja nicht in vollem Umfang erfüllt werden. Man muss, wenn überhaupt, die Saison wohl vor leerer Kulisse zu Ende spielen. Die große Solidarität war das noch nicht. Böse interpretiert war es ein geschickter Schachzug, um erwartbaren Forderungen nach einem Ausgleichsfonds proaktiv entgegenzukommen. Positiver gesehen ist es ein löblicher Schritt in die richtige Richtung.