Bayreuther Hausarzt „Reaktion auf krankes Gesundheitssystem“

Der Bayreuther Hausarzt Friedmar Kröner versorgt seine Patienten seit Juli an zwei unterschiedlichen Standorten – Privatpatienten in den
Räumen in St. Georgen 19 (unser Bild) und Kassenpatienten in der Rosestraße. Foto: Andreas Schmitt

BAYREUTH. Friedmar Kröner reicht es. „Der Staat industrialisiert das Gesundheitswesen“, sagt der Hausarzt aus Bayreuth. „Und er verschlechtert dadurch die Behandlung kassenärztlich Versicherter.“ Kröner hat reagiert, trennt nun Kassen- und Privatpatienten. Und auch der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands übt Systemkritik.

Seit 2006 hat Friedmar Kröner seinen niedergelassenen Arztsitz in Bayreuth; seit 2015 in einem sanierten Gebäude in St. Georgen 19. Zudem übernahm er 2018 eine Praxis in der Rosestraße als Filiale. Ab Juli 2019 änderte Kröner die Struktur, legte beide Kassensitze in der Rosestraße zusammen – und erweiterte in St. Georgen seine bestehende Privatsprechstunde und die Frauenarztpraxis zum Zentrum für Familienmedizin, ein Kinderarzt kam dazu.

„Ich möchte in einem kaputten System qualitativ gut arbeiten.“

Sind Kassenversicherte nun Patienten zweiter Klasse? „Mir ist jeder Patient gleich lieb, egal, wie er versichert ist“, sagt der 46-jährige Mediziner, der pro Jahr etwa 5000 Fälle behandelt; 90 Prozent davon Kassenpatienten. Er wolle weiterhin für alle da sein. Deshalb sei der Schritt unausweichlich gewesen. „Ich möchte in einem kaputten System qualitativ gut arbeiten.“ Sein Handeln sei eine Reaktion auf Gesetze des Staates. Er liege damit im Trend. „Es gibt mittlerweile in Bayreuth in jedem Spezialgebiet eine Privatpraxis.“ In den meisten Fällen hätten die Kollegen ihre Kassenpraxis dafür aufgegeben. Er hingegen stehe als Hausarzt weiter zur Verfügung. Einziger Nachteil für die Patienten: Für die Sprechstunden haben sie einen Nachmittag weniger zur Auswahl.

Der Beruf macht trotzdem Spaß

Kröner betont, dass es keinen Aufnahmestopp gibt. „Wir versuchen, trotz widrigster Versicherungsbedingungen für jeden da zu sein. Mein Beruf macht mir Spaß.“ Um ihn gut weiterführen zu können, habe er sich eine neue Struktur schaffen müssen. Der Mediziner kritisiert, dass Bezahlung und Aufwand nicht zusammenpassen: Chronische Patienten brauchen mehrmals im Quartal eine Behandlung. Honoriert würden aber nur zehn Minuten Sprechzeit. Kröner schildert ein Erlebnis: „Ich musste für eine Verstorbene drei Jahre lang rückwirkend ihr Atemspray zahlen, weil die Kasse errechnete, dass sie bei Atemnot statt einem Hub 1,5 Hübe genommen hat.“ Kröner schlussfolgert: „Ärzte dienen nicht mehr nur dem Patienten, sondern dem kranken System.“
Das 1883 von Bismarck eingeführte Solidarsystem sei nicht mehr zeitgemäß – und die Politik wisse das auch. Es könne nicht sein, dass den Patienten weiterhin ein unbegrenztes Leistungsversprechen vorgegaukelt, die Ressourcen aber gleichzeitig stark beschnitten würden. Und das, obwohl es im Gesundheitsfonds Milliarden an Rücklagen gebe. Kröner hofft, mit der Privatpraxis das notwendige Geld zu verdienen. In der Kassenpraxis gebe es Untersuchungen, die er nicht machen könne. „Da lege ich drauf.“

Kostendeckelung seit 1992

Die Grundlage der Negativentwicklung sei in Lahnstein gelegt worden. In der Stadt in Rheinland-Pfalz hielten 1992 der damalige CSU-Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer und der damalige stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Rudolf Dreßler eine viertägige Klausur. Ergebnis war das Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) – eine grundlegende Reform des Gesundheitssystems. Das Ziel: langfristig stabile Beitragssätze der Krankenkassen. Deshalb wurden Ausgaben gedeckelt und die freie Krankenkassenwahl eingeführt. „Seitdem fehlt den Patienten ein Arzt, der frei von Drittinteressen in der Lage ist, für sie da zu sein“, sagt Friedmar Kröner.

Zu geringe Bezahlung und zu viel Bürokratie

Grundsätzlich auf Verständnis stößt der Hausarzt bei Ulrich Megerle. Der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Fertility Center Bayreuth ist Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Bayreuth. Und er kennt die Sorgen auch von Facharzt-Kollegen. „Für jeden Krankenkassen-Schein gibt es eine maximale Abrechnungssumme.“ Beim Gynäkologen liege sie bei 17, beim Augenarzt bei zwölf Euro. „Wie viel Geld bekomme ich bei 1000 Patienten mal 17 Euro?“, fragt Megerle. Gerätekauf und Personal seien auch zu bezahlen. „Davon kann man keine Praxis betreiben. Deshalb geben immer mehr ihre Kassenzulassung zurück.“ Hinzu komme ein ungeheuerlicher Verwaltungsaufwand in Kassenpraxen – für Fach- sowie Hausärzte. Nur noch wenige Leute würden etwa die Zahlenreihen begreifen, die zur Abrechnung benötigt werden. „Deshalb haben viele Ärzte keinen Spaß mehr.“

"Die Formular-Flut ist wahnsinnig"

Auch Friedmar Kröner stört nicht nur die schlechte Bezahlung bei der Behandlung von Kassenpatienten. Er nennt auch rechtliche Gründe, warum er Privat- und Kassenpatienten trennt – etwa den seit 2019 verpflichtenden Telematik-Zwang. „Der Staat baut einen Kontrollapparat auf. Da ist das Risiko groß, dass die Schweigepflicht gebrochen wird. Und ich zahle Honorarstrafen, wenn ich nicht mitmache, um die Schweigepflicht gegenüber Patienten weiter zu wahren.“ Begleitet werde das Ganze von nervenden Detailvorschriften: „Die Formular-Flut ist wahnsinnig. Mir wird sogar vorgeschrieben, welches Druckerpapier ich verwenden soll.“
 

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