Bayreuther Dialyse-Spezialist: Berührendes Vorbild Organe von Tugce retten andere Menschen

Lichter und Bilder haben Menschen vor dem Klinikum Offenbach zur Erinnerung an Tugce aufgestellt. Foto: dpa

Die 23-jährige Tugce A. ist einer Gewalttat zum Opfer gefallen - vermutlich weil sie zwei Mädchen helfen wollte. Und sie hilft selbst nach ihrem Tod. Sie hatte einen Organspenderausweis. Ihre Organe wurden freigegeben. Was meint der Bayreuther Nierenarzt Dr. Bernhard Riedl, leitender Arzt des KfH-Dialysezentrums, dazu?

Drei Ärzteteams im Klinikum Offenbach entnahmen bei Tugce A. in der Nacht zum Samstag mehrere Organe - kurz zuvor waren die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet worden. Am Mittwoch war die Lehramtsstudentin für hirntot erklärt worden.

Dass Tugce A. in so jungen Jahren an einen Organspenderausweis gedacht hatte, zeuge von ihrer Hilfsbereitschaft, so Dr. Riedl. Tugce sei ein beeindruckendes Vorbild. Sehr berührend finde er zudem ihre Zivilcourage, die sie gezeigt habe, als sie anscheinend zwei bedrängte Mädchen in Schutz nahm. Bewundernswert sei, dass die Eltern der jungen Frau in dieser Situation den schweren Weg gegangen seien, die Organe ihrer Tochter freizugeben, um das Leben anderer Menschen zu retten.

Riedl kennt Patienten aus seinem Praxisalltag, die auf ein Spenderorgan warten. Die Chance sei vier Mal höher, eine Niere oder ein anderes Organ von einem Spender zu brauchen, als selber ein Organ hergeben zu müssen.

"Hirntod ist kein Koma"

Zur Angst vieler Menschen, dass Organe entnommen werden könnten, wenn der Tod noch nicht eingetreten ist, erklärt Riedl: "Der Hirntod ist kein Koma." Es bestehe dann keine Chance mehr, dass der betroffene Mensch ins Leben zurückkommt.Gemeinhin werde angenommen, der Mensch sei tot, wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen. Dann wäre jedoch ein Patient tot, bei dem das Herz während einer Operation stillsteht und vorübergehend durch eine Maschine ersetzt wird.

Nach den Unregelmäßigkeiten bei der Zuteilung von Spenderorganen war die Bereitschaft zur Organspende drastisch gesunken. Mittlerweile habe sich die Zahl der Organspenden konsolidiert, so Riedl. Die Kontrollmechanismen wirkten. Vor der Organentname gelte das Sechs-Augen-Prinzip, um den Hirntod zweifelsfrei festzustellen.

Bundesverdienstkreuz für Tugce?

Das Schicksal von Tugce A. hat sehr viele Menschen erschüttert. Bundespräsident Joachim Gauck prüft nun, ob ihr posthum das Bundesverdienstkreuz verliehen werden kann. Das teilte er nach Informationen der Deutschen Presseagentur (dpa) am Samstag der Internetplattform "change.org" mit.

Die Plattform hatte einer Online-Petition initiiert und mehr als 150 000 Unterstützer gefunden. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte vorgeschlagen, Tugce A.wegen ihrer Zivilcourage posthum mit dem Verdienstorden zu ehren.

In seinem Beileidsschreiben an die Familie von Tugce A. schrieb Gauck, die junge Frau habe "unser aller Dankbarkeit und Respekt" verdient. "Wo andere Menschen wegschauten, hat Tugce in beispielhafter Weise Mut und Zivilcourage bewiesen." Gauck: "Unser ganzes Land trauert mit Ihnen."

Obduktion angeordnet

Mit einer Obduktion soll die genaue Todesursache bei Tugce A. ermittelt werden. Bisher ist ungewiss, ob sie durch den Schlag am frühen Morgen des 15. November tödlich verletzt worden ist oder durch den Aufprall auf das Pflaster vor einem Schnellrestaurant in Offenbach. Gegen den mutmaßlichen Täter, einen 18-Jährigen, wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Tugce A. hatte vermutlich zwei Mädchen beistehen wollen, die von dem mutmaßlichen Täter attackiert worden sein sollen. Die beiden Mädchen werden noch gesucht.

Drei Transplantations-Teams

Mit einer bewegenden Mahnwache mit weißen Luftballons, Klaviermusik und Kerzen verabschiedeten sich am Freitagabend vor dem Klinikum in Offenbach rund 1500 Menschen von Tugce A. Die Restaurantkette McDonald's äußerte sich tief betroffen über den Tod der Studentin. Der brutale Überfall "hat auch uns, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Restaurants in Offenbach Kaiserlei, fassungslos gemacht", schrieb das Unternehmen. Aus Respekt vor den Angehörigen blieb die Filale am Samstag geschlossen

Drei Transplantationsteams waren am Freitagabend ins Klinikum Offenbach gekommen. Vorher hatten die Eltern von Tugce A. angekündigt, die lebenserhaltenden Geräte abschalten zu lassen. Am Freitag hatte Tugce ihren 23. Geburtstag.

Medienberichten zufolge haben sich am Montag wichtige Zeugen bei der Offenbacher Polizei gemeldet.

 

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