Bayreuth Viel Beifall für Monteverdis "L'Orpheo"

Von Michael Weiser

Bayreuth Von Michael Weiser Das passte fast perfekt: Mit Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“ in einer Produktion des Pilsener Theaters J. K. Tyl setzte die Musica Bayreuth im Markgräflichen Opernhaus einen Glanzpunkt des musikalischen Sommers.

Darsteller der "L'Orfeo"-Aufführung im Markgräflichen Opernhaus. Foto: Andreas Harbach Foto: Andreas Harbach - Hagenstrasse 19b - 95448 Bayreuth - mobil 0170 8655 275 - kontakt@andreasharbach.de - www.andreasharbach.de

Es ist die bekannteste Geschichte vom endgültigen Verlust: der halbgöttliche Orpheus verliert die heißgeliebte Eurydike durch einen Schlangenbiss, dringt gegen alle Widerstände ins Totenreich vor und überzeugt Pluto, den Gott der Toten, ihn mit Eurydike wieder zurück ans Tageslicht zu lassen. Plutos Bedingung: Orpheus darf sich den ganzen Weg hinauf nicht nach Eurydike umdrehen. Orpheus aber kann nicht widerstehen (oder liebt die Musik doch mehr als seine Braut) – und verliert Eurydike, diesmal für immer. Eurydike bleibt im Totenreich. Und der schier untröstliche Orpheus wird vom Sonnengott Apollo zu den Sternen entrückt.

Nach der Werbung weiterlesen

Wie für das Markgräfliche Opernhaus geschrieben

Was immerhin Plutos linken Handel durchkreuzt, mit dem er seine Gattin, die Fruchtbarkeitsgöttin Proserpina, dauerhaft an die Unterwelt hatte binden wollen: Ihre Daueranwesenheit im Totenreich gegen die Freilassung der Eurydike. Nicht auszudenken, wenn es keinen Frühling mehr gäbe: Die Menschheit wäre womöglich schon ausgestorben, hätte zumindest wenig Gelegenheit, so etwas Prächtiges wie „L’Orpheo“ zu schaffen und zu genießen.

Das Drama ist wie für das Markgräfliche Opernhaus geschrieben. Seinen Weltkulturerbe-Status hat es als Zeuge der flüchtigen Festarchitektur des Barock erhalten, und Monteverdi schrieb seinen „Orpheo“ für den Geburtstag eines Gonzaga-Fürsten im Jahre 1607.

Die Fanfarenmusik der Gonzaga-Familie steht denn auch als Vorspiel vorm Prolog, fast wie die Fanfaren vom Balkon des Festspielhauses. Im prächtigen Barocktheater entfaltet diese Erinnerung an die Feste der Renaissance und Barock eine verblüffende Wirkung: Da kommen Musiker durch den Haupteingang und schreiten spielend in Richtung Bühne, quasi als musikalische Visitenkarte des Herrschergeschlechtes. Und auf einmal versteht man, dass Feste seinerzeit mitnichten fröhliche Gesellschaft, sondern politische Inszenierung waren.

Das J.K. Tyl-Theater Pilsen kommt in leichter Besetzung nach Bayreuth und macht aus eingeschränkten Möglichkeiten viel. Mit Licht und Stoffbahnen zaubern Regisseur Tomas Pilar und sein Ausstatter Daniel Dvorak Palastarchitektur und Naturidylle auf die Bühne, in perfekt aufs Gold und Grün-Blau des Opernhauses abgestimmten Farben.

Schwelgen in den Klängen von Monteverdis Oper

Das Orchester unter der Leitung von Vojtech Spurny schwelgt – manchmal fast zu sehr – in den elegischen Klängen von Monteverdis Oper, die als die erste der Welt gilt. Am besten aufgelegt erweist es sich bei den Hirtentänzen zu Orpheos bevorstehender Hochzeit: Das macht Freude, vor lauter Anmut der vier Balletttänzerinnen würde man sich am liebsten dem Reigen hinzugesellen. Ein Minuspunkt: Die Tschechen vertrauen nicht auf die sehr guten akustischen Möglichkeiten, die düsteren Chorpassagen zu Orpheos eindrucksvoll in Bilder gefasstem Abstieg werden elektronisch nachgerüstet – oder kommen gleich vom Band, so deutlich war das nicht zu unterscheiden.

Vor nicht geringe Rätsel stellten die Betrachter die Gipsköpfe auf den Häuptern der Darsteller: Sie erinnerten an Statuen, es wirkte, als wollte das Tyl-Theater den allgemeinen menschlichen Kern der Geschichte unterstreichen: Auch ein Mythos kannte zunächst mal Menschen aus Fleisch und Blut, bevor er zum Denkmal seiner selbst wurde.

Die Akteure agierten mit sehr sparsamen Mitteln, neben Lukas Zeman als Orpheo wusste vor allem Karolina Janu als Eurydike und vor allem als stimmschöne und sehr sichere Frau Musica zu überzeugen. Am Ende steht sie schwarzgewandet mit fragendem Gesichtsausdruck an der Rampe und schaut den Hirten zu, die Orpheos Aufstieg zu Apoll bejubeln: Da darf man die Arme schon fast als Opfer für Orpheos Künstlerkarriere betrachten. Langer, warmer Beifall für ein Stück magisches Welttheater.

Info: „L’Orpheo“ ist noch an diesem Freitag, 8. Juni, im Markgräflichen Opernhaus zu sehen, Beginn ist um 19.30 Uhr, ab 19 Uhr auf die Jagd nach Restkarten zu gehen, kann sich lohnen.

Opernhaus