Bayreuth/Hollfeld Ein Weltbürger in Franken

Von Michael Weiser
Fürst Pükler-Muskau als Reisender in Afrika. Vorher aber zog er durch Europa - und machte auch in Bayreuth und Hollfeld Station. Litopgraphie. Foto: akg-images Foto: red

Weltreisender, Abenteurer, Frauenschwarm: Hermann von Pückler-Muskau schrieb über seine Reisen, Gott und die Welt. Jetzt sind seine Reiseerinnerungen neu erschienen. Ein Schatz, in dem unterhaltsam zu schmökern ist. Auch über die Schönheit des Fichtelgebirges, Bayreuths bessere Zeiten und unverschämte Posthalter.

Ein Spötter war er schon, der Hermann von Pückler-Muskau. Bayreuth sei „ein freundlicher Ort“, schreibt er an seine Frau, „etwas todt, wie alle diese ehemaligen Residenzstädte, mit schönen Gebäuden, die leer stehen“.

Im Sommer 1834 hatte er sich von Bad Muskau aus auf die Reise nach Frankreich gemacht und notierte, was er mit wachen Augen sah, mit spitzer Feder. In der Eremitage sah er sich genauer um – und war enttäuscht. „Wie verfallen ist hier aller alter Glanz! Der Park und die Gärten sind verwildert und mit Unkraut durchwachsen, die neuen Anlagen geschmacklos, die schönen Wasserkünste fast zum Sumpf geworden.“ Auch der Kunst widmet er sich, sieht interessante Familien-Portraits, wundert sich aber, „nirgends ein Bild von Lady Craven zu finden“: Feiner Spott über das Ende der Markgrafschaft, die Markgraf Karl-Alexander vier Jahrzehnte zuvor deswegen an Preußen abgegeben hatte, um eben jene Lady Craven zu ehelichen und hinfort in England einem vergoldeten Lebensabend zu frönen.

Von Pückler-Muskau kommt, sieht und schreibt. Und wie er das tut. Man liest mit wachsendem Vergnügen in einer Wiederentdeckung, für die der „Verlag der Pioniere“ verantwortlich zeichnet: ideale Vorurlaubslektüre, freundliche Einladung zur analogen Begegnung mit fremden Menschen und Ländern. „Vorletzter Weltgang“ heißt der Band, in dem von Pückler-Muskaus Briefe und Notizen von der ersten Hälfte einer Reise gesammelt werden, die den Grafen bis nach Algerien und Tunesien führen sollte.

Es sind Aufzeichnungen einer wahrlich schillernden Gestalt. Hoch gebildet, bekannt mit den Berühmtheiten seiner Zeit, hatte sich von Pückler-Muskau einen Namen als wacher Geist, Frauenschwarm und respektloser Humanist gemacht, der „preußische Taugenichts als Weltbürger“, wie ein Biograph meint. Bekannt ist er heute wegen einer Eis-Kreation und seiner Gartenkunst, die ihn allerdings in den Ruin trieb. Weil er so dringend Geld brauchte, riet ihm seine Frau Lucie zu einer Scheidung pro forma, damit er in England eine neue, vermögende Braut heiraten könne. Der Plan ging schief – allerdings wurden die alsbald veröffentlichten Briefe von der Reise zum Bestseller. Der Graf hatte eine Einnahmequelle gefunden. Und schrieb hinfort weiter, kurzweilig, kenntnisreich und mit besten Quellen. Vor allem seine Beobachtungen im Paris des Bürgerkönigs Louis-Philippe zeigen, wie man unterhaltsam über Politik und Geschichte schreiben kann.

Sands wilde Flucht

Viel schreibt er über Oberfranken (damals noch Obermainkreis genannt). Verständlich: seine Frau war die Tochter Karl August von Hardenbergs, der Ansbach-Bayreuth im preußischen Auftrag verwaltet hatte. Er schreibt über Wunsiedel, besucht Orte, die an Jean Paul erinnern, lässt sich eine Anekdote erzählen, die vom berüchtigten, unglücklichen Karl Ludwig Sand handelt. Ein wilder Knabe sei der spätere radikale Burschenschaftler und Mörder gewesen, beim kindlichen Spiel an der Katharinenburg sei er auf der Flucht vor seinen Verfolgern 30 Fuß in die Tiefe gesprungen. Das berichtet ihm eine Frau, der er bei einem Spaziergang begegnet. Auch, weil er sich so gut und viel mit Menschen unterhalten hat, ist von Pückler-Muskau ein so bewundernswerter Erzähler.

Ein Mann mit Verstand und Witz

Er wandert durchs Fichtelgebirge – und erlebt nach stundenlangem Marsch durchs Gehölz den Ausblick auf das Land um „Baireuth“ herum wie eine Offenbarung: „Ebenso großartig als überraschend“. In St. Georgen-Bayreuth sieht er sich im „Narrenhaus“ um, „wo wir in manchen Augenblicken fast alle hingehören“. Der Arzt teil ihm mit, „daß, nur drei ausgenommen, sämmtliche Narren aus Stolz oder Liebe dahingekommen seyen“. Ja, wer kennt das nicht? In einer Passage berichtet er von einem Manne, der im Wahn befangen ist, sein Glied verloren zu haben. Von Pückler-Muskau erzählt das elegant und doch mit Anteilnahme, ein Mann von Verstand, also Witz – eben weil er sich nicht lustig macht. Also hört man ihm gern zu.

Gschlampertes Bayern

Ob in Eckersdorf oder Muggendorf, von Pückler-Muskau schreibt mit Wissen und mit Beobachtungsgabe. Und so bildet er deutsch-deutsche Verwerfungen auch in Nebensächtlichkeiten ab. Die Landschaft der fränkischen Schweiz empfiehlt er als herrlich und freundlich, allerdings beklagt er die miese Infrastruktur. „Gasthäuser und Postwesen sind schlecht“, schreibt er. „In Hohlfeld mußte ich in einer schmutzigen und noch obendrein, trotz der heißen Witterung wie eine wendische Bauernhütte geheizten Stube drei Stunden auf die Pferde warten.“ Er beschwert sich beim Posthalter. Der nimmt erst mal eine Prise und gibt ihm dann Bescheid: Fehler des Reisenden. Hätte er halt einen Kurier vorausgeschickt. So aber... Ein preußischer Beamter leidet im selben Gasthaus und ist doch vergnügt. Weil er sich in seiner Meinung bestätigt fühlt, um wie viel besser doch das preußische Postwesen sei als die Schlamperei in Bayern.

"Grandioser Saal"

Zurück nach Bayreuth. Dort fiel ihm noch etwas auf. „Das Theater, welches sehr zweckmäßig gebaut, im Geschmacke Ludwig des Vierzehnten, im Inneren ganz vergoldet und prachtvoll ausgeschmückt ist. Da die neueste Mode sich wieder diesem Genre zuwendet, so wäre dem grandiosen und magnifiken Saal nur zu wünschen, daß er sich an Orten befände, wo er mehr in evidence gesetzt werden könnte.“

Das Opernhaus, das Markgräfliche, ist in Bayreuth geblieben, so einfach lässt sich so ein Juwel nicht versetzen. Bayreuth ist auch nicht mehr so „todt“. Zum Glück. Das Weltkulturbe „in evidence“ zu versetzen, es angemessen der Welt zu präsentieren: Bald kann es losgehen, am. 12. April ist feierliche Eröffnung. Sollte es bei den Feierlichkeiten zu amourösen Verwicklungen kommen – wie vor 180 Jahren dem liebenswürdigen Grafen geschehen –, so würde das dann sicher billigend in Kauf genommen werden.

INFO: Hermann von Pückler-Muskau: „Vorletzter Weltgang. Semilasso in Europa“, 544 Seiten, in Leinen gebunden, 49 Euro, Verlag der Pioniere. Der von Michael Uszinski edierte Band enthält den vollständigen Umfang der Erstausgabe von 1835, mit  Karten,   Register sowie zahlreichen Erläuterungen der Hintergründe und Kurzbiographien der vom Autor erwähnten Personen.

 

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