Bauausschuss soll Planungen genehmigen Stadtarchiv: Schlaraffen verteidigen Burg

Von Frank Schmälzle

Es geht um nichts weniger als ihre Gralsburg. Und die wollen sie nicht aufgeben. Was die Stadtverwaltung mit dem Stadtarchiv vorhat, sehen die Mitglieder des Vereins Baruthia, die sich selbst Schlaraffen nennen, kritisch. Das Stadtarchiv soll umziehen. Raus aus dem Bürgerspital am Unteren Markt. Rein in den Alten Städtischen Bauhof am Hohenzollering. Ausgerechnet in die Gralsburg der Schlaraffen. Jetzt gehen die geheimnisvollen Schlaraffen in die Offensive.

Für die Stadtverwaltung ist der ehemalige Stadtbauhof der richtige Ort für das Stadtarchiv. Das aber sehen die Mitglieder des Vereins Baruthia ganz anders. Sie fürchten, dass sie ihre Vereinsräume aufgeben müssen. Foto: Archiv/Ronald Wittek Foto: red

Hinter den Mauern des langgezogenen und denkmalgeschützen Gebäudes passiert Ungewöhnliches. „Wer zum ersten Mal bei uns in der Burg ist, staunt und versteht zunächst gar nichts“, sagt Freiherr Hubertus Schenk zu Schweinsberg. Einmal in der Woche, immer donnerstags, treffen sich die Schlaraffen zu einer Sippung. „Andere nennen ihre Treffen Meetings, wir nehmen das deutsche Wort“, sagt der Vereinsvorsitzende, der für den „profanen“ Teil der Vereinsarbeit zuständig ist. Er vertritt die Baruthia rechtlich, ist eine Art Außenminister eines Vereins, der in der Öffentlichkeit so gut wie unsichtbar ist. „Wir wirken nach innen.“

Nach der Werbung weiterlesen

Die "Herrlichkeiten" leiten die Zeremonie

Drinnen, in der Gralsburg hat der Thron das Sagen. Die „Herrlichkeiten“, die sich vom Pilger über den Knappen und den Ritter bis an die interne Vereinsspitze hochgedient haben. In jedem Jahr eine Stufe höher. Nach jeder „Winterung“ ein Grad höher. „Winterung“, der Winter also, das ist die Zeitrechnung der Schlaraffen. Wenn sich die Schlaraffen treffen, folgen sie einem ganz eigenen Rituale. Es ist wie ein Ritterspiel. Sie sprechen sich nicht mit bürgerlichem Namen an. In der Burg heißen sie „Kapriolo der Blaublümige“, „Schnuppi der Umfangreiche“ oder „Taktello der Vielsaitige“. Und sie pflegen ihre eigene Sprache. Das Telefon heißt Quaselstrippe, das Auto heißt Stinkross.

Der Freundschaft, der Kunst und dem Humor verpflichtet

In der Winterung, zwischen Oktober und April, treffen sich die Schlaraffen jeden Donnerstag in ihrer Gralsburg zu einer Sippung. Und dazu gehört fast immer auch eine Fechsung. „Wir sind der Freundschaft, der Kunst und dem Humor verpflichtet“, sagt Schenk zu Schweinsberg. Bei einer Fechsung gibt es Musik, Vorträge oder Gedichte – immer von den Schlaraffen selbst. Erich Rappl, die Bayreuther kennen ihn als Wafner, war Schlaraffe. Vieles von dem, was Kurier-Leser immer samstags in Rappls Kurier-Kolumne lasen, hatten zuvor schon die Schlaraffen gehört. Einmal im Jahr machen sie eine Ausnahme, dann öffnen sie die Tür ihrer Gralsburg: Zur Festspiel-Fechsung laden sie sich Musiker aus dem Festspielhaus ein.

Ein Bayreuther Geheimnis

Wer die Bayreuther Gralsburg schon einmal von innen gesehen hat, kennt ein gut gehütetes Geheimnis. Vor über 20 Jahren haben die Schlaraffen das erste Obergeschoss des ehemaligen Stadtbauhofes angemietet. Sie haben den Dachstuhl saniert, den alten Giebel freigelegt, die Räume mit Fahnen und Wappen geschmückt, Instrumente hineingestellt. Eine Gralsburg für Freundschaft, Humor und Kunst daraus gemacht. „Und wir haben viel Geld investiert“, sagt Schenk zu Schweinsberg. Jetzt will die Stadt das Gebäude als Stadtarchiv nutzen. Die Schlaraffen müssten aus. Rechtlich haben sie nicht viel in der Hand. Einen Mietvertrag mit der Stadt, der kündbar ist. Was ihnen bleibt, sollte die Stadt ernst machen und aus dem Alten Stadtbauhof ein Stadtarchiv machen wollen: „Der Hinweis darauf, welche Kostbarkeit verloren ginge, wenn wir raus müssten“, sagt ein Schlaraffe.

Das Gedächtnis der Stadt

Doch diese Geschichte hat auch eine andere Seite: Das Bayreuther Stadtarchiv, sagt die Leiterin des Historischen Museums, Sylvia Habermann, ist das Gedächtnis dieser Stadt. Es umfasst 30000 Akten. Pläne und Karten sind dabei. Listen, auf denen sich nachvollziehen lässt, wann welcher Handwerker eine Konzession bekommen hat. Wann welches Gebäude entstand. Viel Material für Ahnen- und Familienforschung.

Stellt man die Spezialkartons, in denen die Dokumente gelagert sind, hintereinander, ist die Schlange fast einen Kilometer lang. Die ältesten Stücke stammen aus dem späten 15. Jahrhundert. Besser wird die Aktenlage ab dem Jahr 1621, nach dem zweiten großen Stadtbrand. Das lehrt: Bei den beiden großen Feuern 1605 und 1621 ging auch viel Archivmaterial verloren.

Warum das Stadtarchiv umziehen muss

Sicher sind die Bestände auch heute nicht. Der Brandschutz der Räume im Bürgerspital, in dem das Archiv untergebracht ist, entspricht den Auflagen schon lange nicht mehr. Die Räume sind verwinkelt und eng, schon lange viel zu klein für die vielen Akten. Zu denen werden noch mehr dazu kommen. Im Rathaus und im RW 21 liegt ebenfalls Archivmaterial. Das Bürgerspital gehört der Hospitalstiftung. Und die hat schon vor Monaten erklärt: Sie wird das Gebäude sanieren und modernisieren. Weil es sein muss.

Einen Zeitplan, so heißt es aus dem Rathaus, gibt es noch nicht. Die Hospitalstiftung habe sich noch nicht festgelegt, wann sie mit der Sanierung beginnen will. Wann also auch das Stadtarchiv raus muss. Von der Hospitalstiftung heißt es, man wolle die Stadt nicht in Zugzwang bringen. Man warte auf einen Stadtratsbeschluss.

Baureferent braucht Geld, um die Planung voran zu bringen

Heute soll das Aufeinander-Warten ein Ende haben. Im Bauausschuss des Stadtrates wird Stadtbaureferent Hans-Dieter Striedl über die Vorplanungen für den Umbau des ehemaligen Stadtbauhofes zum Stadtarchiv berichten. Sein wichtigstes Ziel: Striedl braucht Geld im Haushalt 2016, um die Planung fortsetzen zu können. Das heißt auch: Gebaut wird nicht vor 2017, so hatte das auch Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe erklärt. Und für die Schlaraffen heißt das: Zumindest in diesem Jahr droht ihnen wohl keine Kündigung.

CSU und SPD sagen: Nur kein Schnellschuss

Ob Striedl mit seinem Antrag durchkommt, ist fraglich. Denn in Bayreuth wirft derzeit eine Frage die nächste auf. In den Reihen der SPD und der CSU will man eine Vorentscheidung für den ehemaligen Stadtbauhof als neues Stadtarchiv verhindern. CSU-Fraktionsvorsitzender Stefan Specht sagt: „Das wäre verfrüht.“ Denn am 13. März werden die Bayreuther in einem Bürgerentscheid über die Zukunft der Graserschule abstimmen. Sollte sich eine Mehrheit für einen Neubau aussprechen, stünde das bisherige Gebäude der Graserschule zur Verfügung. Und dann ist dort ein Stadtarchiv sehr gut denkbar, sagen Specht und der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Bauske. Bauske hält auch einen Neubau für das Stadtarchiv für möglich. Das wäre bei sechs Millionen Euro, die die Verwaltung für die Sanierung des ehemaligen Stadtbauhofes grob kalkuliert, locker drin. Und Specht sagt: „Wir wollen keinen Schnellschuss, nur damit die Oberbürgermeisterin eines ihrer Wahlversprechens durchdrückt.“ Brigitte Merk-Erbe hatte eine Lösung für das Stadtarchiv-Problem zu einem ihrer vordringlichsten Anliegen erklärt.