Barbara Stamm „Sie wird uns furchtbar fehlen“

Tanja Kaufmann

Der Tod von Barbara Stamm trifft ihre politischen Weggefährten vor allem in Unterfranken sehr. Der Würzburger Bischof zeigt sich ebenso betroffen, wie ihre Parteikollegen in den Haßbergen – hier hatte die 77-Jährige schließlich sogar freundschaftliche Beziehungen.

Es ist nur eine von vielen Begegnungen, an die sich Steffen Vogel an diesem Mittwoch erinnert: Als Barbara Stamm – wieder einmal – zu Besuch beim Starkbierfest im nördlichen Haßbergkreis war und sie mit ihren Parteifreunden von der CSU leidenschaftlich Schafkopf gekartelt hat – „über viele Stunden lang“, wie Steffen Vogel erzählt. Seine Unterfranken-CSU, deren Chef Steffen Vogel nach seiner Wahl zum Bezirksvorsitzenden im Sommer dieses Jahres wurde, hat an diesem Mittwoch einen herben Verlust zu beklagen. „Barbara Stamm war das Gesicht der CSU Unterfranken über die letzten Jahrzehnte“ sagt Steffen Vogel: Die ehemalige Landtagspräsidentin sei eben nicht nur das „soziale Gewissen“ der CSU gewesen, sondern überhaupt eine deren prägendsten Persönlichkeiten. Und in Unterfranken war die beliebte Politikerin ein Garant für Wählerstimmen. Die 41,4 Prozent, die die Christsozialen bei der Landtagswahl 2018 in Unterfranken erzielten, waren das beste CSU-Ergebnis aller bayerischen Regierungsbezirke überhaupt. Auch wenn es gerade Barbara Stamm, die erstmals ohne eigenen Stimmkreis lediglich auf der unterfränkischen CSU-Liste angetreten war, schließlich ironischerweise selbst nicht mehr in den Landtag schaffen sollte – niemand erhielt so viele Stimmen wie sie. „Mehr Stimmen als der ganze Rest zusammen“, wie sich Steffen Vogel heute noch tief beeindruckt zeigt.

Der heutige Landtagsabgeordnete hatte Barbara Stamm über deren Arbeit in seinem Wahlkreis kennengelernt, vor allem natürlich bei den feucht-fröhlichen Starkbierfesten in seinem Heimatdorf Wasmuthhausen; später war sie dem aufstrebenden Jungpolitiker aus den Haßbergen ein weiser Ratgeber bei dessen ersten Schritten im Münchner Landtag. „Auch nach ihrem Ausscheiden noch“, wie Steffen Vogel sagt. Es ist schon irgendwie Schicksal, dass ihr letzter Besuch in den Haßbergen ausgerechnet in Theres war, wo Vogel Anfang Juli mit seiner Wahl zum neuen Bezirksvorsitzenden der Unterfranken-CSU und damit der Nachfolge von Gerhard Eck (eines weiteren unterfränkischen Politik-Schwergewichts) eine neue Ära einläutete. Auf dem Listen-Spitzenplatz soll die am Mittwoch verstorbene frühere Landtagspräsidentin und Vize-Ministerpräsidentin bei der nächsten Wahl voraussichtlich von Judith Gerlach, der bayerischen Digitalministerin, abgelöst werden. Doch, das weiß auch Steffen Vogel: „Die Schuhe sind sehr groß.“

Einen langjährigen Weggefährten in der Region hatte Barbara Stamm im ehemaligen Staatssekretär Albert Meyer, der vor knapp zwei Jahren im Alter von 94 Jahren verstorben ist. Noch im Sommer vor dessen Tod hatte der CSU-Kreisverband in den Haßbergen dem Ehrenkreisvorsitzenden zu dessen Geburtstag eine Tour durch einige Biergärten des Landkreises geschenkt, bei der Barbara Stamm ebenfalls mit von der Partie gewesen war.

Ob in Wasmuthhausen oder auf dem Zeilberg im Diakonie-Biergarten, beim Kreiserntedankzug in Neubrunn oder beim Gedenken an 80 Jahre Reichspogromnacht 2018 in der Synagoge Memmelsdorf, oder bei den Feierlichkeiten zum 70-jährigen Bestehen der CSU in Ebern 2016: Viele Haßbergler werden sich noch gut an die Besuche von Barbara Stamm im Landkreis erinnern. Unter ihnen auch Haßberge-Landrat Wilhelm Schneider, der gemeinsam mit seiner Frau Larissa dem Ehepaar Stamm freundschaftlich verbunden war. Wie Steffen Vogel hatte er Barbara Stamm als lebenslustigen und geselligen Menschen erleben dürfen. Ihr Tod sei schließlich doch plötzlich für ihn gekommen und habe ihn tief getroffen, sagt Landrat Wilhelm Schneider am Mittwochvormittag gegenüber unserer Zeitung. „Sie war schon eine sehr besondere Politikerin für Unterfranken, wichtig vor allem natürlich als soziales Gewissen“, sagt Schneider: „Besonders in Unterfranken wird sie uns furchtbar fehlen.“ Er habe sie als Familienmenschen kennenlernen dürfen, die sich für ihre drei erwachsenen Kinder und ihren Mann Ludwig trotz ihres enormen Arbeitspensums viel Zeit genommen hätte. „Barbara Stamm hinterlässt eine große Lücke, als Person ebenso, wie als Politikerin“, so Wilhelm Schneider.

Doch nicht nur bei ihren Parteifreunden war Barbara Stamm beliebt und respektiert. Als eine der ersten äußert sich am Mittwochmorgen ihre unterfränkische Politik-Kollegin Manuela Rottmann, Bundestagsabgeordnete der Grünen im heimischen Wahlkreis Bad Kissingen. „So werde ich Barbara Stamm in Erinnerung behalten“, schreibt die Hammelburgerin auf Facebook: „Von langen Jahren in hoher politischer Verantwortung hat sie sich nie die Kraft zum Zuhören und zum Widerspruch nehmen lassen. Sie hat sich weder ihr großes Herz noch ihren Schneid abkaufen lassen. Sich selbst hat sie nie geschont, bis zum Schluss ging sie immer an die Grenze ihrer Kraft. Für mich hatte sie immer ein offenes Ohr, wenn es darum ging, zusammen einem Menschen beizustehen. Da war die Parteizugehörigkeit egal. Für all das habe ich sie immer bewundert.“ Barbara Stamms Tochter Claudia saß übrigens selbst für die Grünen im bayerischen Landtag.

Verheiratet war die CSU-Politikerin mit Ludwig Stamm, der beim Würzburger Arbeitsamt Berater für behinderte Menschen war. Sie selbst engagierte sich viele Jahrzehnte lang ebenfalls für die Belange von Menschen mit Behinderungen und ihren Familien, seit über 20 Jahren als ehrenamtliche Landesvorsitzende der Lebenshilfe Bayern. Hier zeigte man sich am Mittwoch ebenso bestürzt wie im Bistum Würzburg und im Diözesan-Caritasverband. 15 Jahre lang hatte sich Barbara Stamm als Zweite Vorsitzende und seit fast sieben Jahren als Ehrenvorsitzende segensreich für die Anliegen der unterfränkischen Caritas eingesetzt, heißt es in einer Pressemeldung aus Würzburg. Darin drückt auch der Bischof selbst seine Trauer aus. „Wir verlieren mit ihr eine Frau von großer Entschiedenheit, aber auch großer Willenskraft. Eine Frau, für die das C in CSU, die christliche Überzeugung nicht nur ein Wort war, sondern eine Lebenshaltung, gespeist aus ihrem eigenen Lebensweg“, so Bischof Franz Jung. Stamm habe sich vieles in ihrem eigenen Leben erarbeiten müssen daher eine besondere Sensibilität für Benachteiligte gehabt. „Ihr Wort hatte Gewicht weit über Unterfranken hinaus. Mit ihrer Unterstützung konnten wir vieles auf den Weg bringen, was Menschen geholfen hat, was die ganze Region vorwärts gebracht hat“, betont der Bischof. Ihre christliche Überzeugung und ihr Gottvertrauen habe er noch am Wochenende bei einem Besuch an ihrem Krankenbett verspüren können.

 

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