Barbara Stamm ist tot Das soziale Gewissen Bayerns

Jürgen Umlauft
Die CSU-Politikerin Barbara Stamm ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Foto: : dpa/Peter Kneffel

Mit Barbara Stamm hat der Freistaat eine bedeutende Persönlichkeit verloren. Vor allem für die Schwachen der Gesellschaft, insbesondere Menschen mit geistiger Behinderung,hat sich die CSU-Politikerin über Jahrzehnte hinweg stark gemacht. Am Mittwoch ist sie im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Brustkrebserkrankung gestorben.

In ihrem langen Wirken hat Barbara Stamm als Sozial-, Familien- und Frauenpolitikerin viele Wegmarken gesetzt und ihre CSU mit sanftem, aber beharrlichem Druck modernisiert. Im Landtag jedoch werden vor allem zwei eher unpolitische Worte aus ihrem Mund überdauern: „Um halb!“ Stamm war eine die Geselligkeit liebende Frau, weshalb sie – egal ob auf der After-Show-Party zur Fränkischen Fastnacht in einem Würzburger Weinkeller oder auf der Weihnachtsfeier des Landtags – meist zu den Letzten gehörte, die gingen. Fragte man sie kurz vor Mitternacht, wann sie denn aufbrechen wolle, antwortete sie stets vergnügt „um halb“. Die Stunde dazu blieb ihr Geheimnis. Stamms „um halb“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort bei Abendveranstaltungen im Maximilianeum.

Barbara Stamm war ihre politische Karriere „nicht in die Wiege gelegt“, wie sie selbst sagte. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, ließ sie sich nach der Schule zur Erzieherin ausbilden. Nach der Geburt ihrer Kinder blieb sie nicht zu Hause am Herd, sondern kehrte – in den 1970er-Jahren eher unüblich – in Teilzeit in ihren Beruf zurück. Stamm lebte damals schon die moderne Frauenrolle, die später die Richtschnur ihrer Politik werden sollte und der CSU eine zumindest partielle Frauenquote brachte. Eine solche hatte sie lange abgelehnt, aber jahrzehntelange Erfahrung in und mit der CSU lehrte sie, dass die angemessene Beteiligung von Frauen in Führungsämtern der Partei ohne verbindliche Vorgaben noch weitere Jahrzehnte brauchen würde.

In der männerdominierten CSU war Stamm von Anfang an die Ausnahme von der Regel. 1976, mit gerade 32 Jahren, zog die bekennende Fränkin als dreifache Mutter in den Landtag ein, zwei Jahre später gehörte sie schon dem CSU-Fraktionsvorstand an. Vielleicht wäre sie Bayerns erste Ministerpräsidentin geworden, hätte sie Regierungschef Edmund Stoiber 2001 im Zuge der BSE-Krise nicht zum Rücktritt als Sozialministerin gedrängt. Stamm machte nie einen Hehl daraus, dass sie sich als Bauernopfer ausgebootet sah. Zu ihrem ministeriellen Beritt gehörte zwar das Veterinärwesen, doch die eigentlichen Ursachen für den damals grassierenden „Rinder-Wahnsinn“ lagen in der Zuständigkeit des Agrarministeriums.

Stamm verkündete ihren Rückzug damals unter Tränen. Wie sie überhaupt recht nah am Wasser gebaut war. Wenn die Opposition sie etwas härter anpackte, kullerten manchmal die Tränen. Was ihr den Vorwurf einbrachte, das Weinen als politisches Stilmittel zu missbrauchen, wenn ihr die Argumente ausgehen.

Wie dem auch sei: Stamm war in jedem Fall eine emotionsgeleitete und empathische Politikerin, die allerdings auch, ohne groß mit der Wimper zu zucken, austeilen konnte. Und sie machte aus ihrem Herzen nur selten eine Mördergrube. Im langen Machtkampf zwischen Horst Seehofer und Markus Söder stellte sie sich klar auf die Seite Seehofers, mit dem sie sich nicht nur wegen der vielen sozialpolitischen Gemeinsamkeiten gut verstand, sondern auch die Vorbehalte gegenüber dem Ehrgeiz und der Schlagzeilen-Manie Söders teilte.

Rückschläge schienen Stamm nach einer kurzen Frustphase eher stärker zu machen. Nach Stoibers Rauswurf avancierte sie mehr und mehr zur Stimmenkönigin auf CSU-Parteitagen, sie wurde erst Vizepräsidentin und dann bis 2018 Präsidentin des bayerischen Landtags und überparteilich respektiert. Mit ihrem großen Herzen und ihrer Liebe zu den Menschen öffnete sie das Parlament für die Bürger, brachte den Landtag ins Land und etablierte ihn zu einem Diskussionsforum für Bürger und Experten. Der Landtag ist heute ein anderer als vor Stamms Amtszeit.

Diese allerdings war von einem persönlichen Schicksalsschlag überschattet. 2009 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Stamm zog sich nicht zurück, sie ging offen mit der Krankheit um und kämpfte. Nach der Landtagswahl 2013 schien sie den Tumor besiegt zu haben, sie wirkte tatendurstig und lebensfroh wie zuvor. Natürlich ging Stamm auch wieder als Letzte von Feiern, wie immer „um halb“. Jetzt hat der Krebs doch gewonnen. Barbara Stamm, das „soziale Gewissen Bayerns“, starb am Mittwoch im Alter von 77 Jahren in Würzburg.

„Ihr großes Herz gehörte den Familien und ganz besonders den Schwächsten in unserer Gesellschaft. Mit ihrer Hilfsbereitschaft und Wärme war sie ein Vorbild für viele Menschen“, würdigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Verstorbene. Er verneige sich vor ihrem Lebenswerk.

„Ich bin zutiefst getroffen von der Nachricht vom Tod meiner Amtsvorgängerin“, sagte die amtierende Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU). „Wir verlieren mit Barbara Stamm eine über alle Parteigrenzen beliebte und hochgeschätzte Politikerin, die sich jahrzehntelang vor allem für die Ärmeren und Schwächeren in unserer Gesellschaft einsetzte und ihnen eine Stimme gab.“ Als erste Frau an der Spitze des Bayerischen Landtags habe sie sich „großen Respekt und hohes Ansehen erworben“.

Horst Seehofer, ehemaliger CSU-Chef und Ministerpräsident , sagte: „Sie hinterlässt in Bayern und in der CSU eine große Lücke, die nur schwer zu schließen sein wird.“ In all den Jahrzehnten in der Politik habe er „nicht viele von einem solchen Format kennengelernt“. Auch Politiker anderer Parteien zollten Stamm Respekt: „Barbara Stamm war für Bayern die Mutter der Nation“, sagte Hubert Aiwanger (Freie Wähler). „Es schmerzt sehr, sie zu verlieren. Ihre sozialen Verdienste sind nicht hoch genug einzuschätzen.“ Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Florian von Brunn, sagte, Stamms Tod mache ihn traurig. „Sie hatte Rückgrat, einen klaren sozialen Kompass und war doch immer für Kompromisse offen. Ihre menschliche fränkische Art und ihr Humor werden mir in Erinnerung bleiben.“

Auch die Lebenshilfe Bayern, deren Landesvorsitzende Barbara Stamm 21 Jahre war, würdigte die Verstorbene. Die stellvertretenden Landesvorsitzenden Hildegard Metzger und Gerhard John erklärten: „Mit Barbara Stamm haben wir einen wunderbaren Menschen verloren, der sich unermüdlich für die eingesetzt hat, die Hilfe brauchten.“

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