Frau Froemels Gästebuch Wo Furtwängler und Boulez wohnten

Er war der berühmteste Dirigent seiner Zeit: Im Familienalbum von Barbara Froemels Eltern hat sich neben vielen anderen prominenten Gästen auch Wilhelm Furtwängler verewigt. Foto: Roman Kocholl

BAYREUTH. Die Idee vom Festspielhaus auf der grünen Wiese stellt Bayreuth bis heute vor große Herausforderungen. Täglich rund 2000 Festspielgäste wollen schließlich auch beherbergt und verköstigt werden. Längst gibt es in der Stadt genügend Hotels. Doch zu Richard Wagners Zeiten sah das noch ganz anders aus. Gäste und Mitwirkende der Festspiele mussten in Privathaushalten untergebracht werden.

Eine, die davon viel zu erzählen weiß, ist Barbara Froemel. Ihre Vorfahren waren eng mit den Festspielen, Haus Wahnfried und der Familie Wagner verbunden. Urgroßvater der heute 89-jährigen Bayreutherin war Friedrich Feustel – ein Bankier, der Richard Wagner in finanziellen Fragen stets zur Seite stand und an der Realisierung des Festspielhauses wesentlich beteiligt war.

Die enge Verbindung der Familien setzte sich fort bis zur Generation von Barbara Froemels Mutter und Winifred Wagner. Man kannte sich. Man vertraute sich. Und so lag es nahe, die prominentesten der Festspielmitwirkenden in dem idyllisch gelegenen Haus im heutigen Bayreuther Ortsteil Friedrichsthal unterzubringen.

Furtwängler ging dirigierend durch den Garten

So kam es, dass Barbara Froemel bereits als kleines Mädchen den berühmtesten Dirigenten dieser Zeit kennenlernen durfte. „1931 war Furtwängler das erste Mal da“, sagt Froemel. Nach einem Krach mit Winifred Wagner sei er dann erst 1936 wieder nach Bayreuth gekommen. Auch in der Zeit des Krieges dirigierte Furtwängler im Festspielhaus.

„Er war für uns wie ein Verwandter“, sagt die 89-Jährige. Sehr naturverbunden sei er gewesen. Jeden Tag habe er große Spaziergänge unternommen. Sehr genau kann sich Barbara Froemel noch an diese Szene erinnern, die man gerne gesehen hätte: „Furtwängler ist dirigierend durch den Garten gegangen. Wir Kinder sind hinterhergelaufen und haben das nachgemacht. Das hat ihn nicht gestört.“

Auch beim Ringtennis war der berühmte Wagner-Dirigent mit dabei. Furtwängler habe den Anschluss zur Familie Feustel gesucht. Als Elfjährige durfte „das Bärbelchen“ erstmals mit zu Proben ins Festspielhaus. Vermutlich gibt es niemanden in Bayreuth mehr, dessen Erinnerungsvermögen in Bezug auf Aufführungen von Opern Richard Wagners so weit zurückreicht, wie das von Barbara Froemel.

Pierre Boulez nach dem Buh-Gewitter

Auch in den Zeiten von Neu-Bayreuth wurden in dem Haus in Friedrichsthal bedeutende Festspieldirigenten beherbergt: Joseph Keilberth, Eugen Jochum und: Pierre Boulez. Bereits nach seinem „Parsifal“-Dirigat im Jahr 1970 hat der französische Dirigent hier gewohnt.

Dann wieder 1976. Bei einem epochalen Ereignis. Boulez dirigierte den sogenannten Jahrhundert-„Ring“ in der Inszenierung von Patrice Chéreau, der zunächst heftige Ablehnung seitens des Publikums hervorrief. „So habe ich das Festspielhaus nie erlebt. So viele Buhs, das kann man sich gar nicht vorstellen“, erinnert sich Barbara Froemel. Vom Balkon wurden Transparente mit Missfallensbekundungen heruntergelassen.

Die Nacht nach diesen lautstarken Protesten und Anfeindungen hat Boulez in dem Haus in Friedrichsthal zugebracht. Wie der Dirigent diese Erlebnisse wohl verarbeitet hat? „Er war schon deprimiert.“ Und habe wohl an sich gezweifelt. Auch habe er immer wieder gesagt, er sei ja eigentlich kein Dirigent. Sondern Komponist. Jedenfalls: Bis in den Morgen hinein habe Boulez in seinem Zimmer gearbeitet. Auf dem Tisch lag viel Notenpapier.

Unmittelbar nach dem Buh-Sturm im Bayreuther Festspielhaus hat Pierre Boulez wohl komponiert. Man wüsste gerne: Welches Stück?

 

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