Bamberger Mediziner räumt Fehler im Umgang mit Patientinnen ein: „Selbstbestimmungsrecht missachtet“ Angeklagter Chefarzt: „Ich bin weder Sexarzt noch Dr. Pervers“

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Er soll zwölf Patientinnen betäubt und missbraucht haben. Jetzt hat sich Chefarzt Heinz W. (49) sich bei den Frauen entschuldigt. Allerdings habe er alles, was er gemacht habe, aus medizinischen Gründen gemacht. Und das will er zeigen – was schon am zweiten Prozesstag für Zoff sorgte.

Heinz W. am Dienstag mit seinen Anwälten. Foto: Otto Lapp Foto: red

Hat er die Frauen missbraucht, oder war es doch Medizin? Sein dunkler Anzug sitzt nicht mehr ganz so gut. W. hat abgenommen in den acht Monaten seiner Untersuchungshaft in Bamberg. Seine Stimme klang fest, als seine 48-seitige Erklärung vorlas. „Es ging mir zu keinem Zeitpunkt um etwas anderes als die Erprobung einer Maßnahme auf ihren medizinischen Nutzen hin“, sagte er. Sein einziges Interesse galt der Beckenvenenthrombose, einem Randthema in seinem medizinischen Fachgebiet. Er soll über Jahre zwölf Frauen zwischen 17 und 28 Jahren eine Studie vorgegaukelt haben, sie meist nach seiner Dienstzeit betäubt haben und sexuelle Handlungen an ihnen vollzogen haben. Zwei Frauen hat er dabei Sexspielzeug eingeführt, Butt Plugs, die zum Weiten von Körperöffnungen dienen. Von all seinen Handlungen hat er Fotos oder Filme gemacht.

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„Was geschehen ist, tut mir sehr leid“, sagte W. Er habe bei keiner der Frauen bewirken wollen, dass diese psychisches Leid erleben mussten. Auch wie sie von den Fotos ihres Intimbereiches erfahren haben, bedauerte er. Nämlich durch die Ermittlungen. Auch wie über ihn berichtet wird, bedauert er. „Ich bedauere, wie ich den Frauen, erscheinen soll die sich mir anvertraut haben“, sagte W. „Ich bin weder Sexarzt noch Dr. Pervers“ – so lauteten Überschriften aus Zeitungen.

Allerdings räumte W. ein, dass er seine Forschungen für wichtiger gehalten habe als das „Selbstbestimmungsrecht der Frauen“. Von ihnen hätte er eine Zustimmung holen müssen, sagte er. „Das mag unverzeihlich sein, aber es macht mich weder zu einem Sexualstraftäter noch zu einem Vergewaltiger.“

Viel länger sprach er über sein Fachgebiet, die Gefäßkunde, über Heilmethoden, über Arbeitsabläufe am Klinikum Bamberg, über seine Aufgaben. Dafür brauchte er mehr als eine Stunde. Immer wieder fixierte ihn dabei Romana S. (27). Die Hauptbelastungszeugin sitzt nur knapp zwei Meter von ihm entfernt, die Arme verschränkt, die dunklen Haare mit einem Zopf und einer Klammer nach hinten gebunden. Eine Studie, das steht inzwischen fest, hat es nie gegeben. Er sprach von einem „sehr sehr seltenen Krankheitsbild“. Wenn die Beckenvene geschlossen ist, können die Folgen schlimm sein, bis hin zum Tod der Patienten. Bei Frauen könne man über den Genitalbereich das Blut umgelenkt werden.

Romana S. neigt den Kopf zur Seite, hört W.s Vorlesung zu. Sie hatte mit ihrer Anzeige die Ermittlungen gegen W. ins Rollen gebracht. Die sehr schlanke Medizinstudentin hatte sich in ihrem Praktikum an der Klinik für W.s „Studie“ zur Verfügung gestellt. Danach aber fehlte ihr die Erinnerung, sie fühlte sich schummrig, ließ ihr Blut untersuchen und zeigte den Chefarzt an. Sehr groß und sehr schlank – solche Frauen brauchte W. für seine Forschungen. Er suchte weil, weil ihnen das Fettpolster zwischen den Gefäßen fehlt, sie das Risiko auf einen Venensporn haben. Eine Studie zu etablieren sei unsinnig gewesen, jeder seiner Mediziner-Kollegen sollten schauen, ob er solche Patientinnen hat. In Franken kämen solche Frauen eher weniger vor.

Er hat von den Frauen "nur 84 Patientenbilder" angefertigt, sage W., „keine halbe Million“. 24 davon zeigen die Narbenbereich nach einer Operation – zwei kleine Schnitte im Bikinibereich. Kleiner seien diese Schnitte nicht mehr möglich. "Da ist es unabdingbar, dass für ein Bild dieser Wunde die Unterhose ausgezogen ist. Es dient nicht meiner sexuellen Befriedigung, davon Bilder zu fertigen." Allein zum Weiterbildungszweck habe er auch die Videos aufgenommen. Dabei kam es zu einer Sequenz von „1000 sinnlosen Einzelbildern“, die er vergessen habe zu löschen. Mehr als 20 Vorträge habe er zu diesem Thema gehalten, dafür habe er diese Fotos bereitgehalten. Seit 2006 sei ein Weiterbildungsprogramm gelaufen, sagte W. Seit 2006, so wird ihm vorgeworfen, habe er aus rein sexuellem Interesse die Frauen benutzt und Fotos von ihnen gemacht.

Drohender Zoff

Es droht Zoff im Prozess um den Chefarzt Heinz W. (49) aus Bamberg. Schon am zweiten Verhandlungstag rügten seine Verteidiger das Gericht und den Vorsitzenden Richter Manfred Schmidt. Der hatte nämlich am ersten Prozesstag in der vergangenen Woche nach W.s Ausführungen gesagt: „Weniger ist mehr.“ Darin sehen die Verteidiger eine mögliche Beschneidung seiner Rechte. Es sei vielmehr das Recht jedes Angeklagten, sich so umfassend wie möglich zu äußern. Darauf zielt die Verteidigungsstrategie seiner Anwälte. W. wird sich in aller Ausführlichkeit zu „medizinischen Tatsachen“ äußern, „die bislang in diesem Verfahren noch nicht zur Sprache gekommen sind“, so die Anwälte in einer Erklärung, die dem Kurier vorliegt. Das Gericht müsse sich eben, auch mit Hilfe von Sachverständigen „auf ein eher abgelegenes medizinisches Fachgebiet begeben müssen“.

Was aber genau die Verteidiger vorhaben, das erschließt sich dem Gericht am zweiten Tag noch immer nicht. „Das ist mir nicht klar“, sagte Schmidt. „Es wird umfassend produziert an Einlassungen“, sagte Bernsmann. Am Ende werde gar ein ganzes Buch herauskommen. „Mehr als arbeiten an einem Tag kann man von W. nicht verlangen.“ Allerdings versprach er, ein „zügiges“ Verfahren im Auge zu behalten. Doch schon längst hatte er zwischen den Zeilen angekündigt, dass sich das Gericht unter Umständen auch länger Zeit nehmen müsse. W. nimmt sich nach eigenen Worten „jede freie Minute“, um an seiner Verteidigung zu arbeiten.

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