Berlin/Nürnberg - Die Innenstädte wirken wie leer gefegt. Geschäfte und Lokale haben geschlossen. Die Menschen sind wegen der Corona-Pandemie viel zu Hause. Es sind besondere Zeiten - auch für Verbrecher.

Wie sich die Ausgangsbeschränkungen auf die Kriminalität in Deutschland auswirken könnten...

EINBRÜCHE und DIEBSTÄHLE:

Langfinger haben es angesichts geschlossener Geschäfte und leerer Bahnen und Busse in den Großstädten schwer. "Der Ladendiebstahl hat natürlich stark abgenommen", sagte Kriminaloberrätin Elke Schönwald vom Polizeipräsidium Mittelfranken in Nürnberg. Auch organisierte Autodiebe dürften unter den geschlossenen deutschen Grenzen leiden. Genauso schlecht sieht es möglicherweise für Fahrraddiebe aus, die an den S-Bahnstationen rund um die Großstädte, vor Büros und Kneipen weniger begehrte Objekte finden.

Auch die Zahl der Wohnungseinbrüche könnte zurückgehen, weil viele Menschen zurzeit zu Hause arbeiten. Ob Einbrecher jetzt verstärkt in die verwaisten Schulen, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen einsteigen, lässt sich schwer abschätzen. Oft erstatten die Betroffenen erst einige Zeit später Anzeige, so dass der Polizei aktuell nicht alle Fälle vorliegen. Straftaten erfasst diese auch erst statistisch, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Bisher lasse sich jedenfalls nicht feststellen, dass sich die Straftaten wegen der Corona-Krise auf bestimmte Schwerpunkte verlagerten, sagte Schönwald.

GEWALTDELIKTE IN DER ÖFFENTLICHKEIT:

Schlägereien betrunkener Menschen in Kneipen oder nach Fußballspielen gibt es derzeit nicht. Zurückgehen dürfte auch die Zahl der Raubüberfälle, weil sich nachts kaum noch Opfer auf den Straßen befinden. Und die Konfrontationen zwischen gewalttätigen Demonstranten und der Polizei fallen ebenfalls aus. Eindeutig bemerkbar machen sich die leeren Straßen. "Aufgrund der starken Abnahme des Straßenverkehrs sind auch die Verkehrsdelikte deutlich rückläufig", sagte Schönwald.

DROGENHANDEL:

Rauschgifthändler, die ihr Geschäft in der Öffentlichkeit betreiben, finden weniger Kunden und standen zuletzt gelangweilt an den bekannten Ecken in Berlin-Kreuzberg herum. Parks und Clubs sind nachts leer oder geschlossen. Touristen und Partybesucher, zwei große Käufergruppen an Wochenenden in Berlin, sind derzeit nicht zu sehen. Kunden, die Marihuana, Koks oder Crystal Meth dagegen von persönlich bekannten Dealern kaufen, werden wohl eher nicht auf den Einkauf verzichten. Solche Geschäfte lassen sich auch derzeit diskret abwickeln.

TRICKBETRUG:

Betrüger, die sich als Polizisten, Feuerwehrleute, Mitarbeiter von Gesundheitsämtern oder Hilfsdiensten ausgeben, tauchen zurzeit in vielen Orten auf. Die vermeintlichen Helfer wollen sich Zutritt zu Wohnungen verschaffen, um an Geld und Wertgegenstände zu kommen. Auch das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart warnt vor einer neuen Variante des sogenannten Enkeltricks: Anrufer geben sich als Verwandte aus, die mit dem Coronavirus infiziert seien und Geld für die Behandlung bräuchten. "Das ist eine besonders abstoßende und niederträchtige Vorgehensweise skrupelloser Krimineller", sagt LKA-Präsident Ralf Michelfelder.

Auch im Internet machen sich Abzocker die Corona-Krise zunutze. Sie geben vor, rare Schutzmasken oder Desinfektionsmittel zu vertreiben, liefern diese aber nicht nach Erhalt des Geldes. Andere Internetverkäufer verlangen horrende Preise - zum Teil auch für Klopapier. Die Online-Plattform Ebay hat den Verkauf von Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln deshalb inzwischen auf ihrer US-Website verboten.

GEWALT GEGEN FRAUEN UND KINDER:

Die Ausnahmesituation stellt viele Familien und Paare vor große Herausforderungen: Man hockt viel mehr aufeinander und kann sich nur schwer aus dem Weg gehen. Dazu kommen finanzielle Nöte und Existenzsorgen. "Die Situation kann zu erhöhtem Stress führen", sagte die Psychologin Anja Stiller vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. "Wenn in Familien schon latent Konflikte da waren, können diese eskalieren."

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) rechnet deshalb mit mehr Gewalt in Familien und Beziehungen. "Wir stellen uns in dieser Zeit darauf ein, dass Straftaten der häuslichen Gewalt deutlich zunehmen werden", sagte Behrendt der Deutschen Presse-Agentur. In einem Interview von "Zeit Online" hatte Behrendt zuvor gesagt, erste Zahlen aus Italien und China würden zu diesem Schluss führen.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) befürchtet diese Tendenz. Kriminalität, die in der Öffentlichkeit geschehe, gehe derzeit sicher zurück, sagte der Vize-Vorsitzende Jörg Radek. "Aber wir müssen natürlich darauf achten, dass Kriminalität auch hinter verschlossenen Türen stattfinden kann, etwa bei der häuslichen Gewalt. Da mache ich mir mehr Sorgen, dass diese Dinge einen Zuwachs erfahren können."