Aussage gegen Aussage Das Rätsel der befleckten Gefängnishose bleibt ungelöst

Symbolfoto: dpa

BAYREUTH. Im Prozess um einen homosexuellen Übergriff in einer Zelle der Bayreuther Justizvollzugsanstalt hat Strafrichter Holger Gebhardt den jungen Angeklagten freigesprochen. Das Rätsel um eine mit Sperma befleckte Gefängnishose war nicht zu lösen.

Der Weg zur Wahrheit in dem Indizienverfahren verlor sich sozusagen in einem ominösen Loch an der Hinterseite einer hellblauen Gefängnis-Schlafanzughose. Das Loch bedeutet: An der Hose wurde ein Stück Stoff herausgerissen. Das Stück Stoff saß einmal genau an der Stelle, an der entweder ein Aufnäher mit dem Aufdruck „Zugangshose“ oder ein Aufnäher mit Nummern gewesen war. Die Folge: Es war nicht mehr feststellbar, wem die Hose gehört haben konnte.

Die Identifizierung der Hose und ihres möglichen Trägers wäre die wesentliche Voraussetzung gewesen, um zwei gegensätzliche Aussagen zu bewerten.

Übergriff auf dem Klo

Die Aussage des 29-jährigen Strafgefangenen, der am 28. August vergangenen Jahres im Haus A des nachts auf die Toilette ging, lautete Anfangs so: Der junge Angeklagte sei ihm auf die Toilette gefolgt, habe ihn beim Pinkeln angefasst und dabei auf seine Hose masturbiert.

Tags darauf meldete der Mann den sexuellen Übergriff und wurde ins Haus D verlegt. Die Hose wurde beschlagnahmt, eine kriminaltechnische Untersuchung ergab, dass Spermaflecken auf der Hose waren. Der DNA-Abgleich zeigte: Das ist Sperma des jungen Mitgefangenen. Er wurde angeklagt.

Im Prozess bestritt dieser die Vorwürfe und erzählte seine Version: Er habe seine eigene Hose beschmutzt und sie unters Bett geworfen. Der ihn belastende Mitgefangene müsse die Hose an sich genommen haben, um sie als vermeintlichen Beweis für seine Lüge vorzulegen.

An zwei Verhandlungstagen kam der – mittlerweile aus dem Gefängnis entlassene – Belastungszeuge nicht zur Verhandlung. Zum dritten Prozesstag am Montag wurde er von Polizeibeamten aus Erlangen vorgeführt. Auf die Frage, warum er bislang nicht freiwillig als Zeuge erschienen war, äußerte er unter anderem etwas unwillig, er sei jetzt „aus dem Knast raus“ und „die Sache“ sei ihm relativ „egal“.

Vom Richter zurechtgewiesen, sagte er dennoch aus und beschuldigte den Angeklagten, ihn auf der Toilette begrapscht zu haben. Er sagte aus, er habe die vom Angeklagten befleckte Hose in einen Plastikbeutel verpackt und sie als Beweis aufbewahrt: „Ich musste drauf bestehen, dass die Hose auf DNA untersucht wird.“ Auf die Frage, ob die von ihm als Beweis abgegebene Hose ein Loch an der Rückseite hatte, antwortete er: „Das müsste ich wissen.“

Aussage gegen Aussage

Staatsanwalt Jan Köhler revidierte seine am zweiten Prozesstag geäußerten Zweifel, ob er einen Schuldspruch beantragen könne: Er sagte im Plädoyer, dass er die Aussage des Zeugen als glaubwürdig einstufe und beantragte deshalb neun Monate Haft.
Verteidiger Johannes Driendl sagte, es könne so wie in der Anklage gewesen sein, aber nicht zwingend – und beantragte deshalb Freispruch im Zweifel für den Angeklagten.

Das sah auch Richter Gebhardt so: Das Verfahren sei geprägt gewesen von „Aussage gegen Aussage“. Für Gebhardt waren weder der Angeklagte noch der Zeuge „besonders glaubwürdig“. Weil die Hose nicht mehr zugeordnet werden konnte, sei es nicht ausschließbar, dass sie doch dem Angeklagten gehört habe. Und deshalb sei der Mann freizusprechen.

 

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