„Auf einmal ist man 100“ Jahrhundert-Geburtstag in Bayreuth

OB Thomas Ebersberger, Enkelin Lisa, Tochter Renate, Urenkelin Zoè und Enkelin Marita (von links) feiern mit Erna Beyer ihren 100. Geburtstag. Urenkel Noah ist am Mittag noch in der Schule und kommt wenig später dazu. Am Abend spielt ein Musiker. Foto: Andreas Schmitt

Seit 1922 schon sieht Erna Beyer, was auf dieser Welt so los ist. Die Frau hat viel erlebt. Und berichtet davon an ihrem 100. Geburtstag, den sie am Montag (4. Juli 2022) in Bayreuth feiert.

Ballons am Haus weisen den Weg zu Erna Beyer. Bei bester Laune und sehr fit feiert sie gestern im Albert-Einstein-Ring 100. Geburtstag. Und blickt zurück auf ein Leben, in dem ihr auch Schicksalsschläge nie die Freude am Weitermachen nahmen.

Die größte Zeitenwende für sie ist – wie für viele Geflüchtete aus den zuvor deutschen Gebieten im heutigen Polen oder der Tschechei – das Jahr 1945. Mit der Kriegsniederlage Nazi-Deutschlands muss die 23 Jahre alte Erna ihre Heimat, die Stadt Kanth nahe Breslau in Schlesien, verlassen. Straßen, Plätze und Parks sieht sie erst in den 2000ern wieder. Zu Besuch mit der Tochter.

In der Familie war immer was los

Erna hat sechs Geschwister. Der Vater ist Musiker, spielt in mehreren Kapellen. Es ist immer was los. Erna wird nach der Schule Nachrichtenhelferin bei der Wehrmacht. Zuerst in der Sowjetunion, dann in Norditalien. Dann endet der Krieg. Zurück nach Schlesien: kann sie nicht. Die Region wird polnisch. Deutsche: unerwünscht. Erna muss neu beginnen. Durch Richard Wagner ist ihr Bayreuth ein Begriff. Hier will sie es versuchen. Alleine. Die meisten Familienmitglieder sind während des Kriegs gestorben. Zunächst kommt Erna in eine Geflüchteten-Unterkunft. Dann findet sie beim früheren Cafe Lorenz Wohnung und Anstellung. Bald lernt sie ihren Mann kennen. Hochzeit 1958. Geburt von Tochter Renate 1959. „Dann wollte ich für die Familie da sein und arbeitete nicht mehr“, sagt Beyer am Montag im Gespräch mit dem Kurier und Thomas Ebersberger. Der OB gratuliert mit Blumen und einem Präsent der Stadt.

„Meine Mutter war immer sehr sportlich. Rodeln, Skifahren, Eislaufen, Radfahren, Federball, Wandern, Joggen, Schwimmen“, sagt Tochter Renate. „Es hat immer großen Spaß gemacht, all dies mit ihr zu unternehmen.“

Ihr Mann stirbt viel zu bald

1972 der nächste Schicksalsschlag: Erna Beyers Mann stirbt. Sie muss wieder arbeiten. Jetzt im Büro – erst bei der Stadt Bayreuth, dann für die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft. Zudem ist sie Gründungsmitglied der Rheumaliga – organisiert ehrenamtlich Beratung und Reisen. Nach Norwegen, Frankreich, Italien, USA. 1990 und 1993 kommen die Enkelinnen zur Welt. Heute hat Beyer auch zwei Urenkel; Nummer drei ist unterwegs. Mit Freude hat sie sich oft um alle gekümmert. Beyer, die daheim wohnt und vom Awo-Pflegedienst betreut wird, war lange sehr fit. Mit über 80 läuft sie am Ochsenkopf. Mit 90 mäht sie Rasen. Gestern zitiert sie Passagen aus Goethes Faust. „Die Zeit verging so schnell. Und auf einmal ist man 100“, sagt Beyer. Für den Abend hat Tochter Renate eine Überraschung: ein Musiker spielt zum Jahrhundert-Geburtstag. „Die beste Entscheidung war, schwanger zu werden und für die Familie da zu sein“, sagt Erna Beyer. Sie zeigt sie auf Tochter, Enkelinnen und Urenkel – angereist aus Bad Kissingen und München: „Jetzt sind sie alle da.“

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