Der Ökonom und Philosoph Rudolf Schüßler über Chancen und Risiken der Energiewende Bei der Energiewende muss es gerecht zugehen

Von Moritz Kircher
Rudolf Schüßler, Professor für Ökonomie und Philosophie an der Uni Bayreuth, mahnt: Bei der Energiewende muss es gerecht zugehen. Foto: Ronald Wittek Foto: red

Atomausstieg und Energiewende kommen. Das schien lange so sicher, wie das Amen in der Kirche. Doch Rudolf Schüßler, Professor für Philosophie und Ökonomie an der Uni Bayreuth, mahnt: Bei der Energiewende muss es gerecht zugehen. Sonst kann sie ins Wanken geraten.

 
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Die Energiewende ist doch gut für alle. Was hat das mit Gerechtigkeit zu tun?
Rudolf Schüßler: Sehr viel. Alleine die Freistellung energieintensiver Unternehmen von der EEG-Umlage ist ein Gerechtigkeitsproblem. Das zahlen nicht nur die Verbraucher. Das zahlen auch andere Industrieunternehmen. Der Wettbewerbsvorteil des einen ist der Nachteil des anderen. Und schließlich der Blick auf die Bevölkerung: Da müssen die ärmeren Schichten überproportional viel mitbezahlen. Es gibt schon den Begriff der Energiearmut. Das ist die Überlegung, ob überhöhte Preise für Haushaltsenergie die Menschen in die Armut drücken.

Wie viele Menschen sind von Energiearmut betroffen?
Schüßler: Es ist erstmal eine Aufgabe, zu bestimmen, was Energiearmut überhaupt ist. Die Briten sagen zum Beispiel: Wer mehr als zehn Prozent seines Nettoeinkommens für Energie ausgeben muss, gilt als von Energiearmut betroffen. Es gibt für Deutschland noch keine wirklich belastbaren Zahlen. Aber erste Ergebnisse zeigen, dass auch in Deutschland viele Menschen von Energiearmut betroffen sind. Es könnten gut 15 Prozent der Bevölkerung sein.

Je mehr Menschen von Energiearmut betroffen sind, desto mehr Widerstand gegen die Kosten der Energiewende. Richtig?
Schüßler: Es zeichnet sich eine gewisse Polarisierung in der Bevölkerung ab, die genau an der Belastungsgrenze entlang zu laufen scheint. Es leuchtet ja auch ein, dass man die Menschen nicht beliebig belasten kann, ohne dass negative Folgen kommen. Wenn man also die Energiewende zum Erfolg führen will, muss man diesen sozialpolitischen Aspekt berücksichtigen.

Auch Windräder oder Strommasten in der Nähe von Wohnhäusern sind Belastungen durch die Energiewende.Können diese Belastungen überhaupt gerecht verteilt werden?
Schüßler: Diese Belastungen kann man per se nicht gleich verteilen. Man könnte natürlich versuchen, das mit Geld auszugleichen. Aber wenn es darum geht, ein Windrad oder eine Stromtrasse zu bauen, dann kommen diese Bauwerke irgendwo hin. Da ist eine Gleichverteilung gar nicht möglich. Es geht um die Frage: Wie gerecht geht es bei der Auswahl des Ortes für ein Windrad oder bei der Trassenführung zu?

Man trifft selten jemanden, der sich abstrakt gegen die Energiewende ausspricht. Viele Menschen wollen aber keine Windräder oder Strommasten hinter dem Haus. Kann die Energiewende so funktionieren?
Schüßler: Natürlich nicht. Jede Gemeinschaftsaktivität – egal ob es der Bau eines Flughafens, eines Bahnhofes oder einer Stromtrasse ist – setzt voraus, dass im Interesse der Gemeinschaft die Anwohner gewisse Belastungen akzeptieren. Die Haltung „nicht in meinem Garten“ kann für solche Gemeinschaftsprojekte nicht akzeptabel sein. Andererseits darf auch nur dann gebaut werden, wenn es tatsächlich erforderlich ist. Es muss mit einem möglichst geringen Maß an Umweltzerstörung und Belastung für die Anwohner gebaut werden. Man darf nie sagen: Ihr habt das hinzunehmen, ohne die Argumente für Alternativen sorgsam zu prüfen.

Die Menschen sollten also das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht…
Schüßler: Es sollte wirklich gerecht zugehen. Mit den konkreten Projekten der Energiewende reagieren viele Menschen ablehnend auf etwas, das sie im Prinzip wollen. Und zwar deshalb, weil sie der Politik nicht zutrauen, dass die Vorhaben fair geprüft wurden.

Immer dort, wo die Menschen von einem möglichen Trassenkorridor betroffen sind, wird protestiert. Dabei betonen die Bürger immer: Es geht uns nicht um das St.-Florians-Prinzip. Machen sich die Leute etwas vor?
Schüßler: Jeder kümmert sich zunächst um seine eigene Umgebung und ist alarmiert und motiviert, wenn es ihn selbst trifft. Insofern sind wir alle egoistisch. Aber das Problem ist: Wenn jeder sich egoistisch durchsetzt, sind große Planungen gar nicht mehr möglich. Deshalb müssen Regelungen getroffen werden, die alle ins Boot holen. Es gibt natürlich Extremfälle. Leute, die rein aus Eigeninteresse handeln und sich weigern, etwas in Kauf zu nehmen – selbst wenn es keinen vernünftigen Zweifel mehr geben kann. Die meisten klagen aber nur ein, was vernünftigerweise erwartet werden kann.

Wer profitiert von der Energiewende?
Schüßler: Am Ende könnten wirklich alle davon profitieren. Zukünftige Generationen, aber auch alle die heute leben. Investitionsmöglichkeiten reichen von Zertifikaten und Aktien bis hin zur Solaranlage auf dem Hausdach.

Das klingt nach einer Oberschicht und einer wohlhabenden bürgerlichen Mittelschicht, die den Profit mit der Energiewende einstreicht…
Schüßler: Es gibt natürlich eine gesellschaftlicdhe Schichtproblematik, weil eben die ärmeren Schichten von den positiven Optionen der Energiewende nicht profitieren können. Das ist das angesprochene sozialpolitische Problem. Die Ärmsten dürfen nicht über die Maßen belastet werden.

Wie sähe die gerechte Energiewende aus?
Schüßler: Da gibt es eine Vielfalt von Möglichkeiten. Es besteht zum Beispiel nicht per se eine Konkurrenz zwischen der Entlastung der Industrie und der stärkeren Entlastung ärmerer Bevölkerungsschichten. Man kann beides tun. Man kann den ärmeren Schichten auch helfen, Energie effizienter zu verbrauchen, etwa mit stromsparenden Haushaltsgeräten. Es muss der Politik aber erst einmal klargemacht werden, dass es das Problem der Energiearmut gibt.

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