Anreize sollen auch für Fachärzte geschaffen werden – Wartezeiten auf Behandlungstermin in Bayern „kein Problem“ Huml will Landarztprogramm ausweiten

Von Peter Rauscher

Mehr Ärzte sollen aufs Land: Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU/Bamberg) will ihr Landarztprogramm ausbauen. Gerade in Oberfranken bestehe Handlungsbedarf, sagte sie im Interview mit dem Kurier.

Wäre auch gerne Landärztin geworden: Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml. Foto: Ronald Wittek Foto: red

Es gibt immer mehr Ärzte in Deutschland, in Bayreuth liegt die Versorgungsquote mit Hausärzten bei 108 Prozent. Aber alle reden von Ärztemangel. Wie passt das zusammen?
Melanie Huml: Die Versorgungsquote ist nur eine Durchschnittszahl: Wenn wir viele Ärzte in der Stadt und keinen im Landkreis hätten, könnte die Quote immer noch gut sein, die Versorgung auf dem Land wäre aber schlecht.

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Wenn es in Ballungsräumen zu viele Ärzte gibt und auf dem Land oft zu wenige: Warum steuert die Politik nicht gegen?
Huml: Die Planungseinheiten sind gerade geändert und bei den Hausärzten verkleinert worden, damit regionale Ungleichgewichte besser vermieden werden können. In Oberfranken ist zum Beispiel Naila jetzt ein eigener Planungsbereich. Stadt und Landkreis Schweinfurt waren früher ein Planungsbereich, heute sind es drei. Ziel ist es, die Ärzte besser so zu verteilen, dass sie auch bei den Menschen sind, die sie brauchen. Man muss allerdings auch sagen: Vom Grundsatz her haben wir in Bayern eine gute Versorgung mit Ärzten. Aber richtig ist: Wir müssen mehr Anreize setzen, damit sich Ärzte mehr in der Fläche niederlassen, denn auch dort werden sie gebraucht.

Eine Folge des Mangels sind oft beklagte lange Wartezeiten bei Fachärzten. Ärztepräsident Montgomery versucht ein Gesetz gegen lange Wartezeiten mit einer Selbstverpflichtung von Ärzten zu verhindern. Was halten Sie für besser?
Huml: Mein Eindruck ist: Wenn ein Patient wirklich dringend einen Facharzttermin braucht, bekommt er ihn auch. Wenn zum Beispiel der Hausarzt beim Facharzt anruft und die Dringlichkeit darlegt. Die entscheidende Frage ist doch: Kann manche Routineuntersuchung nicht auch zwei, drei Wochen warten. Das muss genau unterschieden werden. Wenn unser Haus Hinweise erhält, dass ein wichtiger und dringender Facharzttermin nicht rechtzeitig zu bekommen ist, gehen wir dem gerne nach. Aber solche Hinweise erreichen uns selten. Die Vier-Wochen-Frist bis zu einem Facharzttermin war ein politischer Kompromiss in der großen Koalition. Wir in Bayern müssten das eigentlich auch so gut hinbekommen.

Sie sind also eher für die Selbstverpflichtung?
Huml: Nach meinem Eindruck ist die Terminvergabe bei Fachärzten bei uns kein Problem. Nirgendwo in Deutschland sind die Wartezeiten so kurz wie in Bayern.

Hätten Sie sich während Ihres Medizinstudiums selbst vorstellen können, einmal Landärztin zu werden?
Huml: Ja, sehr gut sogar. Ich war damals nicht sicher, ob ich in den Krankenhausbereich gehe oder in den Bereich der niedergelassenen Ärzte. Ich habe eine Famulatur bei einem niedergelassenen Hausarzt gemacht, das hat mir sehr gut gefallen. Als Allgemeinmediziner hat man ein sehr breites Spektrum, vom Kind bis zur älteren Generation kommen alle in die Sprechstunde.

Bürokratie, staatliche Reglementierung, schlechte Arbeitszeiten und niedrige Honorare: Hat Sie das abgeschreckt?
Huml: Nein, mit Sicherheit nicht. Ärztin ist einer der schönsten Berufe – neben Ministerin.

Sie haben ein Programm gegen Ärztemangel auf dem Land laufen. Wie sieht die Zwischenbilanz aus?
Huml: Das Programm hat ein Volumen von 15,5 Millionen Euro in drei Jahren und wird gut angenommen. Es steht auf drei Säulen: Erstens die Förderung innovativer Versorgungskonzepte. Zweitens 60 000 Euro Förderung für Hausärzte, wenn sie sich in Kommunen unter 20 000 Einwohnern niederlassen, die in Gebieten liegen, die nicht überversorgt sind. Das ist mehr als 80 Mal bewilligt worden, einige Male auch in Oberfranken. Und drittens ein Stipendium von 300 Euro im Monat über vier Jahre für Medizinstudenten, wenn sie sich verpflichten, ihre Facharztausbildung auf dem Land zu absolvieren und danach fünf Jahre lang im ländlichen Raum Dienst zu tun, sei es in einem Krankenhaus oder in einer Praxis. Knapp 60 Studierende nehmen dieses Programm derzeit in Anspruch.

Sie möchten dieses Programm ausbauen. Was ist geplant?
Huml: Es gilt bisher für Allgemeinmediziner, wir möchten es auf einige Facharztgruppen ausweiten. Auch Fachärzte haben außerhalb der großen Städte bereits Probleme, einen Praxisnachfolger zu finden. Zum Beispiel gibt’s im Bereich Selb-Wunsiedel Bedarf an Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, Augenärzte könnten bald in Lichtenfels fehlen. Außerdem müssen wir die Studierenden frühzeitig für die Arbeit auf dem Land interessieren. Wir prüfen, ob wir einen zusätzlichen Anreiz schaffen können, die Studenten im praktischen Jahr aus der Universitätsstadt hinaus aufs Land zu locken. Wichtig ist auch die Schaffung familienfreundlicher Strukturen. Die Medizin wird weiblicher, aber auch den Männern liegt daran, Privatleben und Beruf in eine bessere Balance zu bringen.

Der Ministerpräsident hat strenge Ausgabendisziplin verordnet. Lässt das Spielraum, um Ihr Programm aufzustocken?
Huml: Wir müssen sehen, was in den Haushaltsverhandlungen geht und was nicht. Ich werde mich jedenfalls dafür einsetzen.