Als Wagner-Sängerin sind Sie in Bayreuth zur Legende geworden. In einer Barock-Oper kehren Sie nach Bayreuth zurück. Wie fühlt sich das an?

Anja Silja: Ich habe mir das lange überlegt, ob ich das wirklich machen will, in einem Genre, das ich überhaupt nicht kenne. Das heißt, kennen schon, aber es ist ein ganz anderer Stil, eine andere Stimmführung, eine andere Gefühlswelt, alles ist sehr stilisiert und gerade du muss genau gemacht werden. Eine andere Welt ist das, insofern habe ich lange überlegt. Aber letztlich geht es doch auch nicht nur um Barock, sondern darum, dass wir da einen Teil der Geschichte der Wilhelmine erzählen. Es macht jedenfalls Spaß, es ist ein sehr amüsanter Abend, was ganz anderes, als man gewohnt ist, es kommt nicht nur eine Arie nach der anderen, es ist auch geschichtlich interessant. Doch, man kann schon sagen: Es macht Spaß.

Königliche Distanziertheit

Sehr oft standen Sie im Festspielhaus auf der Bühne. Jetzt wirken Sie bei der Wiedereröffnung des anderen bedeutenden Hauses mit. Können Sie sich ein größeres Kontrastprogramm vorstellen?

Anja Silja: Nein, ganz und gar nicht. Ich werde die Rolle auch im Cuviliés-Theater in München spielen, aber im Markgräflichen Opernhaus ist es besonders schön. Das wird mir niemand glauben, aber ich hatte es noch nie von innen gesehen.  Meine Welt waren der Hügel und Wieland. Und mit 19, 20, 21 Jahren interessiert man sich auch vielleicht nicht so für ein barockes Theater. Das ist vielleicht bedauerlich, aber immerhin kenne ich es jetzt ja. Es ist ein faszinierendes Gebäude. Es ist nicht nur ein Barocktheater, sondern es zeigt auch viel vom Wesen der Wilhelmine. Es hat dieses besondere königliche Flair. Es umarmt einen nicht, es hat diese Distanziertheit, es ist ganz anders als Cuviliés-Theater, das viel privater erscheint. Es ist schon etwas  ganz besonders.

"Von der Substanz her gut"

Konnten Sie die Arbeit mit der Theaterakademie und den jungen Kollegen genießen?

Anja Silja: Das war sehr schön, die sind mit einer solchen Begeisterung und Freude dabei! Das kennt man gar nicht mehr in der professionellen Opernwelt. Die sind wirklich von morgens bis abends mit solcher Freude dabei. Die singen fünf-, sechsmal an einem Tag diese schwierigen Arien, in der Welt der Profis wäre das undenkbar. Das macht viel Freude, ich kann nur hoffen, dass die jungen Sänger den richtigen Weg einschlagen. Aber von der Substanz her sind sie schon mal sehr gut.

Was muss ein Barocksänger beherrschen, was sich auch eine Wagner-Legende nicht so einfach aneignen könnte?

Anja Silja: Ach Gott ja, wir fangen alle mit leichteren Sachen an, mit Coloraturen, mit Mozart, mit geradlinigem  Gesang, man wird ja nicht als Wagner-Sänger geboren. Um es mit dem Kochen zu vergleichen: Die Basis bilden die selben Zutaten. Im Barock ist die Gefühlswelt eher begrenzt, durch die Coloraturen und Rezitative, es ist kein Genre, in dem die großen Gefühle ausgedrückt werden können.  Eine andere Welt eben. Es kommt letztlich auf die Stimme an. Für einen Wagner-Sänger wäre ein klares Mozart-Bild schwer, umgekehrt wäre es auch fast unmöglich.

"Wilhelmine ist eine bedeutende Persönlichkeit"

Als Sprecherin die Wilhelmine verkörpern, ist eine Sache. Können Sie sich auch mit ihr identifizieren? Immerhin war sie eine feudale Fürstin und damit von uns heutigen doch sehr weit entfernt.

Anja Silja: Die deutschen Herrscherhäuser haben mit am wenigsten Glamour. Die anderen Königshäuser sind einem vertrauter, weil bei denen einfach mehr passiert. Trotzdem ist Wilhelmine natürlich eine geschichtlich wichtige Figur, auch durch Friedrich den Großen und ihre angeblich große Liebe zu diesem ihren Bruder. Aber ob sie das nicht etwas stilisiert hat in ihrer Autobiographie? Sie ist in ihrer Autobiographie, was die Geschichte angeht, vielleicht nicht ganz authentisch. Was mehr aussagt, das sind ihre Briefe; um die geht es auch am Donnerstag, es sind authentische Briefe, aus denen wir lesen. Identifizieren kann man sich Wilhelmine nicht, aber sie war eine bedeutende Persönlichkeit. Die Welt, die sie sich schuf, ist wichtig, auch als Vorbotin der Kultur- und Operngeschichte, die sich in Bayreuth ereignen sollte.