Es hat schon etwas Symbolhaftes. Während im Technologiepark Hochfranken beim Automobilzulieferer DGH gerade 300 Menschen um ihren Job fürchten, lässt Landrat Oliver Bär ums Eck verbal die Sektkorken knallen, weil Großes zu verkünden ist: Amazon kommt. Der Gigant, der neben Apple und Microsoft für die Wucht der Tech-Branche steht. Ein mehr als 100 Jahre alter Industriezweig wankt, das Geschäft mit dem Internet scheint dagegen keine Wachstumsgrenzen zu kennen.

Auf 22 Hektar will der Zweckverband des Automobilzulieferer- und Technologiepark Amazon ein Logistikzentrum bauen lassen. Zur Orientierung: Diese Fläche entspricht rechnerisch einem Quadrat mit einer Seitenlänge von 470 Metern, fast ein halber Kilometer. Und hat man vom großen Deal bisher allenfalls nur im Flüsterton gehört - daran beteiligte hatten ihre Verschwiegenheit schriftlich erklären müssen - so hört sich das bei Landrat Oliver Bär, der dem Zweckverband des Industrieparks vorsitzt, schon selbstbewusster an, als er bei einem Pressetermin vor einer grünen Wiese den Zuwachs verkündet. "Amazon will hier seine Zelte aufschlagen." Jetzt ist es offiziell raus, was lange als "Mal sehen" gehandelt worden war. Der Grundstückvertrag ist unterschrieben. Jetzt holt der Zweckverband Angebote für die Erschließung ein. Wann Amazon den Betrieb in dem Technologiepark Hochfranken aufnehmen will, will Landrat Bär nicht sagen. Alles, was das Unternehmen betreffe, sei dort abzufragen. Das Jahr 2021 dementierte er aber ausdrücklich nicht.

Überhaupt zeigt sich Bär bei der Präsentation der Pläne vorsichtig. Beispiel Arbeitsplätze: Die Ansiedlung des Versandhändlers soll 1000 Jobs bringen, saisonal, wenn ganz Deutschland vor Weihnachten in den Online-Kaufrausch verfällt, könnten es 300 mehr werden. Was inzwischen Amazon selbst ins Feld führt, will nicht über Bärs Lippen kommen.

Seit Monaten war der Name Amazon schon in der Region kursiert. Laut wollte keiner etwas sagen, eine öffentliche Schlappe wollte niemand riskieren, hätte es nicht geklappt. Und Amazon mit einer verfrühten Diskussion vor den Kopf zu stoßen, wäre bei Verhandlungen nicht hilfreich gewesen.

Nun ist das Geschäft eingetütet. Gattendorf, auf dessen Gebiet Amazon baut, hat baurechtlich alles auf Go gestellt. Eines von 40 Logistikzentren in Europa wird dort stehen, wo man vor vielen Jahren Vertreter der Automobilbranche sehen wollte. Der Name Automobilzuliefererpark ist jedoch inzwischen nur noch begrenzt berechtigt.

Ganz ohne Diskussion ist die geplante Ansiedlung aber nicht geblieben. Der Linken in Hof ist der US-Konzern suspekt, Verdi streitet seit Jahren um Tarifverträge. Der Linken-Kreisverband brachte sich schnell in Stellung: "Mit dem Bau des neuen Amazon-Logistikzentrums siedelt sich ein Großunternehmen an, das für schlechte Arbeitsbedingungen und miese Löhne bekannt ist." Der Amazon-Konter folgte prompt: "Amazon ist ein fairer Arbeitgeber, der zuhört und sich kümmert." In Deutschland zahle man 11,10 Euro pro Stunde. Nach zwei Jahren komme ein Mitarbeiter mit Boni und Sonderzahlungen auf 2500 Euro brutto, ließ das Unternehmen wissen. Bär sagt dazu, man habe mit dem Unternehmen gesprochen und hart verhandelt, sei es über die Kosten oder die Arbeitsbedingungen. Auch die Hofer Oberbürgermeisterin Eva Döhla (SPD) bezeichnete Kritik als solche als legitim, Amazon habe aber "einige Verbesserungen" etabliert. Bär sieht da auch keine Probleme. Er sei sich sicher, es werde für die entstehenden Arbeitsplätze durchaus eine Nachfrage geben.

Die Arbeitsagentur Hof-Bayreuth ihrerseits hatte vorab gemeldet, der Arbeitsmarkt der Region kann die nötigen Mitarbeiter stellen. Wobei auch Sachsen, Thüringen und Böhmen interessiert auf die neuen Jobs in Hof schielen. Zumal Amazon als Magnet für weitere Firmen wirken kann. Bereits vor dem Online-Riesen hat sich die Landauer Transportgesellschaft (LTG) gemeldet, die Nachbarin von Amazon werden wird.

Entsprechend zu tun hat jetzt der Zweckverband. Er nimmt zwölf Millionen Euro in die Hand, unter anderem, um eine Million Kubikmeter Erdreich zu bewegen, sodass für die Unternehmen buchstäblich alles glatt läuft. Für die Finanzen bedeutet dass, dass der Verband an späteren Einnahmen wie Gewerbesteuer zusammen mit Hof und Gattendorf beteiligt sein soll.

Oliver Bär sieht sich am Ziel eines halbjährigen Prozesses, gegen Weihnachten seien die beiden Seiten zusammengekommen. Und, das betont Bär mehrmals, Amazon sei wählerisch. Dass Hof den Zuschlag bekommen hat, lasse auf "weitere Entwicklungen" hoffen. Stefan Müller, der Gattendorfer Bürgermeister, spricht vom "ganz großen Wurf" und sieht das Gelände auf der Flur seines Ortes nicht ausgereizt: "Amazon erzeugt eine Sogwirkung. Wir werden jetzt für andere interessanter."