Am Marktstand „Die Möhre muss entmöhrt werden“

Ein Apfel mit Schneekrönchen: Michael Schulze an seinem Marktstand. Foto: Roman Kocholl

Die einen scheuen die Kälte, den anderen scheint sie überhaupt nichts auszumachen. Zur letztere Gruppe zählt Michael Schulze. Jeden Dienstag und Donnerstag steht er bis zu zehn Stunden an seinem Demeter-Stand auf der Maxstraße und verkauft Obst, Gemüse oder Salate. Bei Wind und Wetter. Kalt wird dem 72-Jährigen dabei nicht.

Bayreuth - Am vergangenen Dienstag zeigte das Thermometer in der Bayreuther Fußgängerzone knapp über null Grad an, der Wind pfiff scharf um die Ecken und die Passanten eilten schnell über den Platz. Zeit zum Verweilen gönnten sich nur Wenige. Es war zu ungemütlich.

Michael Schulze nimmt das gelassen hin. Die widrigen Witterungsbedingungen scheinen ihm nichts anhaben zu können. Beinahe stoisch betrachtet er das Geschehen rund um den kleinen Markt, verkauft vitaminspende Produkte und macht sich so seine Gedanken. Von Heizstrahlern oder einem kleinen Ofen hält er nichts. Allein einen Windschutz bringt er sich an besonders kalten Tagen mit. Der hält das Gröbste ab.

Warum er sich für Heizstrahler nicht erwärmen kann, erklärt Michael Schulze so: „Das ist eine elektrische, kalte Wärme, die den Prozess durch den Strom macht.“ Ganz anders als ein richtiges Feuer. Ins Holz seien Elementarwesenheiten eingeflossen, „die jubeln, wenn das Feuer entfacht wird“. Werde Wärme aus Strom gemacht, bleiben die Wesenheiten eingesperrt.

Innerlich Feuer entfachen

Ob er an seinem Marktstand nicht auch mal friert? Diesen Eindruck macht der Bio-Händler nicht. „Ich kann innerlich mein Feuer anfachen. So kann ich, selbst wenn ich friere, die Kälte draußen lassen“, sagt er. Wichtig sei die innere Haltung. Wer Angst habe, ziehe die Kälte in sich hinein und werde dünnhäutig. Die Wärme sei immer da, auch bei minus 20 Grad. „Und ich kann mir bewusstmachen, dass sie da ist.“

Michael Schulze ist Anthroposoph. Die Lehren von Rudolf Steiner hat er verinnerlicht. Und sie scheinen ihn durchs Leben zu tragen. Die reine Lehre allein würde dieser Tage dann aber doch nicht ausreichen. Am Dienstag trug Schulze Kleidung in vier Schichten. Und natürlich ernährt er sich gesund. Sein Tipp, wenn man das Gefühl hat, eine Erkältung sei im Anflug: „Rote Bete, fein gerieben in Rohkostform gibt Abwehrkraft. Genauso Möhre, Zwiebel oder ein Apfel.“ Dabei komme es nicht auf große Mengen an. Keinesfalls sollte man die Produkte in sich hineinschlingen. Die knackige Möhre will ganz bewusst zerkleinert und verdaut werden. Oder wie es Schulze sagt: „Die Möhre muss entmöhrt werden.“ Dann leistet sie dem Körper gute Dienste.

Grenze bei null Grad

Es gibt nur wenige Diens- und Donnerstage, an denen Schulze nicht auf dem kleinen Markt anzutreffen ist. Die Grenze liegt bei ungefähr null Grad. „Wenn es morgens minus vier Grad sind und es tagsüber nicht null wird, kann ich nicht kommen.“ Nicht weil es dem Rudolf-Steiner-gestählten Händler zu frostig wäre, sondern weil dann der Salat schlapp macht. „Bei minus zwei Grad erfrieren die Gurken. Ich würde das aushalten.“ Gleichwohl ist auch der gebürtige Ostberliner, der seit Jahrzehnten in der Region lebt, nicht in das Fass mit dem Zaubertrank gefallen. Vor rund einem Jahr hat auch ihn mal eine leichte Erkältung heimgesucht. Nach zwei, drei Tagen war alles vorbei, sagt er.

Was er den Klimaaktivisten, die derzeit die kalten Nächte in einem Baumhaus in Sichtweite des Bayreuther Rathauses zubringen, empfehlen würde? Bewegung. Was aber im Baumhaus nicht so einfach ist. Daher: Innerliche Bewegung. „Auch im starren Stehen kann ich mich innerlich bewegen.“ Sprachs und wirkte dabei reglos.

Rudolf Steiners Lehre

Michael Schulze könnte an seinem Demeterstand neben dem Verkaufen gesunder Nahrungsmittel wohl stundenlang von der Lehre Rudolf Steiners erzählen.

Schließlich endet das Gespräch doch recht bodenständig. Wie das denn nun mit dem Aufwärmen nach so einem kalten Arbeitstag aussehe?

„Ich krieg ‘ne warme Suppe zu Hause.“

Autor

 

Bilder