Abschiebung Nach Afghanistan - Aus der Familie gerissen

Polizeibeamte begleiten am Dienstagabend einen Afghanen auf dem Flughafen Leipzig-Halle in ein Charterflugzeug. 45 abgelehnte Asylbewerber wurden mit dem Sonderflug in Afghanistans Hauptstadt Kabul abgeschoben. Darunter waren auch junge Männer, die in Kulmbach gelebt hatten. Die Abschiebungen haben in der Region eine Welle der Empörung ausgelöst. Foto: Michael Kappeler/dpa

KULMBACH/BAYREUTH. Drei junge Männer aus Kulmbach sind nach Afghanistan abgeschoben worden. Einer muss seine Mutter und Geschwister verlassen. Sie sind als Flüchtlinge anerkannt.

„Die Mutter des jungen Afghanen A. sitzt seit Dienstag nur noch da und weint. Seine 13-jährige Schwester ist im Schock.“ Tina Karimi-Krause vom Bündnis Bunt statt Braun findet kaum Worte, wenn sie an den Abschiebungsflug denkt, der von Leipzig aus am Dienstagabend nach Kabul gestartet ist. Drei junge Männer, die in Kulmbach gelebt haben, sollten an diesem Tag Deutschland verlassen. Sie wurden festgenommen und zum Flieger gebracht. Einer durfte in letzter Sekunde in Leipzig aus dem Bus aussteigen. Seine Zukunft bleibt aber weiterhin ungewiss. Für die anderen beiden war Kabul die vorläufige Endstation.

Die Familie bleibt noch in Deutschland: Beide jungen Männer haben sich nichts zuschulden kommen lassen in Deutschland, haben die Schule besucht, wollten im September eine Ausbildung beginnen, berichtet Anna Westermann, die Flüchtlingsbeauftragte im Evangelischen Bildungswerk Bayreuth. Jetzt wurden die beiden abgeschoben. Der Fall des jungen A. erregt die Gemüter besonders. Seine ganze Familie lebt, zum Teil mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis, in Deutschland.  Vater, Mutter, drei Geschwister sind hier. Nur einer aus der Familie musste Deutschland wieder verlassen. Anna Westermann will sich jetzt mit vielen anderen dafür starkmachen, dass A. zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren darf.

„Es ist an Grausamkeit nicht mehr zu überbieten. Da werden Familien auseinandergerissen ohne Rücksicht darauf, dass der junge Mann völlig mittellos und ohne Familie in Afghanistan keinerlei Überlebenschance hat. Er geht vor die Hunde. Der im Grundgesetz verankerte Schutz der Familie darf nicht mit der Volljährigkeit enden und muss für alle Menschen in unserem Land gelten. Wir sind mit dem Bruder des Abgeschobenen in Kontakt, die ganze Familie steht unter Schock. Es ist im Moment einfach nur schrecklich“, sagt Tina Karimi-Krause.

Im Krankenhaus festgenommen: Mit Entsetzen habe der Verein, der sich besonders für Flüchtlinge einsetzt, von der Abschiebung erfahren. 46 Menschen, alles Männer, waren für den Flug gebucht. 26 davon lebten in Bayern. Drei von ihnen waren in Kulmbach zu Hause, einer in Pegnitz. „Er ist schwer traumatisiert, musste den Tod seiner Familie mit anschauen. Er wurde aus dem Bezirkskrankenhaus Bayreuth, in dem er Patient war, abgeholt und in den Flieger gesetzt“, macht Tina Karimi-Krause ihrem Entsetzen Luft. Abschiebungen nach Afghanistan sollte es gar nicht geben. Afghanistan sei weiterhin ein Kriegsgebiet. „Wir protestieren heftig gegen das Vorgehen der Bayerischen Staatsregierung und der Zentralen Ausländerbehörde Oberfranken.“

Betroffenheit: Besonders betroffen macht die Helfer die Abschiebung von S., der als Kind durch den Mord an seiner Mutter und Geschwistern in Afghanistan schwer traumatisiert in psychiatrischer Behandlung war. „Er hatte in der Vergangenheit schon versucht, sich das Leben zu nehmen und war deswegen erneut im Bezirkskrankenhaus in stationärer Behandlung. Bis ihn die Polizei aus dem Krankenhaus nach Leipzig zum Abschiebeflughafen brachte.“ S. sei als Kind in den Iran geflohen und 2015 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Er habe keinerlei Kontakte mehr in Afghanistan. In Deutschland sei er monatelang wegen seiner Traumata in stationärer Behandlung gewesen. „Dennoch hat er einen Schulabschluss, kann gut Deutsch und hätte in Pegnitz sogar eine Ausbildungsstelle gefunden. Er bekam keine Erlaubnis, weil er die Identitätsdokumente nicht beibringen konnte, da ihm der Kontakt nach Afghanistan fehlt.“ Jetzt sitze er völlig mittellos und schwerstkrank in Kabul.

Aus Familie gerissen: A. aus Kulmbach sei ohne jede Rücksicht aus seiner Familie gerissen und abgeschoben worden. „Seine Mutter musste aufgrund des Schocks ins Krankenhaus eingewiesen werden“, berichtet Tina Karimi-Krause. „Die ganze Familie ist seit Dienstag im Ausnahmezustand“, sagt die ehrenamtliche Helferin. Sie fragt sich, warum A. abgeschoben wurde. „Er tut doch niemandem was.“ Die Abschiebung aus dem Familienkreis heraus sei möglich gewesen, weil A. als junger Volljähriger ein eigenes Asylverfahren durchlaufen musste. Anders als seine Mutter habe er einen Ablehnungsbescheid bekommen. „Er war noch in der Schule und wollte eine Ausbildung als Friseur beginnen. Jetzt sitzt er allein in Kabul.“

Geplatzte Träume: Noch ein zweiter junger Mann, der in Kulmbach gelebt hatte, saß im Flieger nach Kabul. Z. habe ebenfalls keinerlei Verwandtschaft in Afghanistan. In Kulmbach habe er seinen Quali mit einem Traumdurchschnitt von 1,5 gemacht. „Er wollte sich hier eine Existenz aufbauen und eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer machen. Die Zusage für den Ausbildungsplatz hatte er schon. Jetzt ist er abgeschoben worden, und wir sorgen uns um ihn.“

Dass in der ganzen Region Pflegekräfte händeringend gesucht werden, merkt Tina Karimi-Krause auch noch an.

Info:Den Fall überprüfen - Die Bayreuther CSU-Landtagsabgeordnete Gudrun Brendel-Fischer ist die Integrationsbeauftragte der Staatsregierung. Auch an sie haben sich die Helfer in ihrer Not gewandt. Mehrere Hilferufe liegen ihr vor. Sie habe alle Informationen an das zuständige Ministerium weitergeleitet und werde auch selbst der Sache nochmals nachgehen, sagt sie. „Das hört sich schlimm an“, räumt Brendel-Fischer ein. „Ich werde das prüfen lassen. Da muss man ganz genau hinschauen.“ mb

 

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