400 Milliarden Euro Zinsaufwand hätten die öffentlichen Haushalte durch Draghis Null- und Negativzinsen eingespart, Schulden seien aber nicht abgebaut worden. ,,Die EZB setzt Anreize, die Staatsverschuldung nicht abzubauen.“ Sie drückt die Zinsen nach unten, kauft weite Teile der Anleihemärkte leer. „Wo sollen eigentlich die Banken dann ihren Einlagenüberschuss investieren?“ Banken haben traditionell stark in Staatsanleihen investiert, überschüssige Gelder ihrer Sparer dort angelegt.

Doppelmoral der Regulatorik

Doch die Aufkäufe der Zentralbank haben die Anleihemärkte verengt, die Renditen abstürzen lassen. Banken, Sparer, Lebensversicherer, Pensionsfonds - alle sind sie Verlierer. Gros stört auch, dass Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Das zeige die Doppel-Moral der Regulatorik. ,,Da krieg ich Blutdruck.“

Das Argument, mit Nullzinsen die Kreditnachfrage immer mehr zu stimulieren, lässt Gros nicht gelten. Die VR-Banken hätten im letzten Jahr bayernweit ein Kreditwachstum von mehr als sechs Prozent verzeichnet. ,,Da gibt’s nichts Zusätzliches zu stimulieren.“

Dass mittlerweile viele VR-Banken wie andere Institute auch von Privatkunden Strafzinsen verlangen, ist für Gros die logische Folge der zentralen Geldpolitik. Er geht davon aus, dass immer mehr Institute Negativzinsen verlangen werden. Allerdings nicht von Bestandskunden, sondern von Kommunen, Firmen und Neukunden, die nur ihr Geld parken wollen. Man müsse jeden Einzelfall prüfen und fragen: Mache ich mit dem Kunden sonst noch Geschäfte?

Trotz schwierigen Umfelds haben die über 220 bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken mit ihren gut 2200 Geschäftsstellen ein ,,ordentliches Geschäftsjahr“ hinter sich und liegen ,,innerhalb der Bankenszene sehr weit vorne“, hebt Gros hervor.

70 Prozent der Erträge, rund 2,9 Milliarden Euro, kämen noch immer aus dem Zinsgeschäft, die Provisionen machten rund 1,2 Milliarden Euro aus. ,,Das Geschäftsmodell hat noch viel Potenzial.“ An die Kostenseite müsse man aber ran.

Filialnetz wird dünner

Das bedeutet: Weniger Filialen, weniger Personal. ,,Das Filialnetz wird dünner“, macht Gros deutlich. Man habe aber mit knapp 2200 Filialen immer noch das dichteste Netz in Bayern. Einen Kahlschlag werde es beim Personal nicht geben. ,,Wir sind ein sicher, solider und moderner Arbeitgeber.“

Für ein Megathema der Zukunft hält Gros die von der EU signalisierte Anforderung, auch Bankgeschäfte nachhaltig zu gestalten und grüne Finanzprodukte anzubieten. Gros warnt davor, Banken zum Öko-Sheriff machen zu wollen oder Eigenkapital-Erleichterungen für grüne Kredite zu gewähren. ,,Da muss man ganz vorsichtig sein.“ Der politische Einfluss dürfe nicht zu einer Öko-Planwirtschaft führen und nicht-grüne Investments beim Kredit teurer machen.

Dass die Zinsen in den nächsten fünf Jahren steigen, glaubt Gros nicht. Trotzdem sei die Sparquote mit rund zehn Prozent weiter hoch. Und der Klassiker Lebensversicherung habe ein starkes Jahr hinter sich, obwohl die Renditen immer schlechter werden. Die Lebensversicherung sei eben eine deutsche Erfindung, seit Ende des 19. Jahrhunderts am Markt. ,,Dem vertraut man.“

Wer gut vorsorgen will, dem rät Gros zu Aktienfonds. Die geplante Strafsteuer auf Aktien, Finanztransaktionssteuer genannt, mit der die Grundrente finanziert werden sollte, hält Gros für ,,völlig kontraproduktiv“. Aktien müssten unbedingt außen vor bleiben. ,,Es gibt keinen Grund, die zu besteuern.“

Trotz riesiger Schuldenberge in den USA, in Japan, China und Teilen Europas und einer Zinswelt, die auf dem Kopf steht, sieht Gros keinen gewaltigen Crash kommen: ,,Ich glaube nicht, dass es zum großen Knall kommt.“


Der Fall Emtmannsberg

Ein ,,sehr komplexes System der Verschleierung“ - so der Genossenschaftsverband - führte bei der Raiffeisenbank Emtmannsberg (Kreis Bayreuth) zur mutmaßlichen Veruntreuung von zwei Millionen Euro durch den geschäftsführenden Vorstand. Es sei viel kriminelle Energie am Werk gewesen, sagt Genossenschaftspräsident Jürgen Gros im Redaktionsgespräch. ,,Da tut sich auch die Prüfung schwer.“ Die nun erkannten ,,Wirkketten“ würden die Prüfer ,,sensibel zur Kenntnis nehmen“. Emtmannsberg sei ein Einzelfall. ,,Daraus lernt man bei künftigen Prüfungen dann auch.“