89:87 in Heidelberg Im Blaumann aus der Krise

Siegmund Dunker
Harte Kämpfe unter den Körben prägten weite Strecken der Partie. Martynas Sajus (am Ball) trug wesentlich dazu bei, die Bayreuther Bilanz in diesem Punkt zu verbessern. Foto: Imago Images//Michael Bermel

So unangenehm wie erwartet war für Medi Bayreuth die Aufgabe beim stark in die Saison gestarteten Aufsteiger Academics Heidelberg. Doch die Mannschaft von Trainer Raoul Korner erarbeitete sich im buchstäblichen Sinne mit 89:87 den zweiten Saisonsieg, bevor aus dem Start mit 2:8 Punkten eine richtige Krise werden konnte.

Basketball - Kevin Wohlrath musste nichts sagen. Sein breites Lächeln verriet schon alles. Als der Flügelspieler von Medi Bayreuth nach dem 89:87 (43:40)-Erfolg beim Bundesliga-Aufsteiger Academics Heidelberg den Fragen von Magentasport-Kommentator Stefan Koch lauschte, sah der 26-Jährige aus wie einer, der vor Glück zu platzen droht.

Anzeige - dunk.fm Spieltagsponsor

Wer Wohlrath vor einigen Wochen prophezeit hätte, dass er in einem wichtigen Bundesliga-Spiel über 27 Minuten auf dem Parkett stehen und in einer Halbzeit mehr Punkte erzielen würde als Marcus Thornton im gesamten Spiel, hätte vermutlich entgeisterte Blicke geerntet. Thornton folgte der Ruf nach Bayreuth, ein begnadeter Scorer zu sein. Wohlrath hingegen war als Kader-Ergänzung vorgesehen, er sollte in erster Linie das Niveau im Training hochhalten. Spieler wie er, die normalerweise kaum Chancen auf Einsatzzeiten haben, werden manchmal in abschätzig-flapsiger Manier als Handtuchwedler oder Busfahrer bezeichnet.

Wohlrath hat nicht lange gebraucht, um sich von diesem Stigma zu befreien. Natürlich bedurfte es auch ein wenig Glück. Die schwere Verletzung von Janari Joesaar machte Minuten auf der Flügelposition frei, aber wie resolut Wohlrath diese Chance ergriff, erstaunte dann doch. Schon beim mühseligen 83:79-Heimsieg im Europe Cup gegen die Kapfenberg Bulls überzeugte der langjährige Pro-A-Spieler mit zwölf Punkten. In Heidelberg bekam er es mit einem weitaus stärkeren Gegner zu tun – und spielte sogar noch besser. Er mimte in der Defensive den Kettenhund, ging hart um Blöcke herum, nahm ein Offensivfoul von Shyron Ely an und labte sich daran, den Heidelbergern auf die Nerven zu gehen. Im Angriff erhielt er dreimal den Ball an der Dreierlinie und verwandelte dreimal. Zur Halbzeit stand er bei zehn Punkten, keiner seiner Teamkollegen war erfolgreicher. Wohlrath stellte für die Heidelberger ein echtes Problem dar, eines, das sich vor dem Spiel kaum antizipieren ließ.

Das Medi-Team hatte seine Punkte aber auch bitter nötig, schließlich war von den üblichen Verdächtigen in der ersten Halbzeit kaum etwas zu sehen. Vor allem im Backcourt entwickelten die Bayreuther viel zu wenig Korbgefahr. Kapitän Bastian Doreth spielte angeschlagen, Cameron Wells gehemmt und Thornton ziemlich katastrophal. Wenn Wohlrath nicht gerade den Retter spielte, zeigte das Spiel über die Center noch die größte Wirkung, wo Martynas Sajus und Andreas Seiferth ihre Längenvorteile nutzten. Die Heidelberger spielten mit viel Enthusiasmus, aber wenig Kreativität. Sie suchten häufig das Eins-gegen-Eins und profane Pick-and-Roll-Situationen. Medi-Trainer Raoul Korner hatte seine Mannschaft gut auf diesen Stil eingestellt.

Die frappierende Rebound-Schwäche machte die guten Defensivsequenzen aber wieder zunichte. Alleine im ersten Viertel griffen sich die Heidelberger sieben Offensivrebounds, weil das Medi-Team schlecht ausboxte und sich physisch insbesondere von Kelvin Martin dominieren ließ. Mit einem 11:3-Lauf verwandelten die Bayreuther einen 22:25-Rückstand dann zwar in eine 33:28-Führung um (15. Minute), doch Heidelberg konterte rasch mit sechs Punkten in Serie. Es sollte aber bis 110 Sekunden vor der Pause dauern, ehe Robert Lowery den ersten Treffer für Heidelberg außerhalb der Zone (!) erzielte.

0:11-Serie zum 58:69-Rückstand

Als die Gastgeber im dritten Viertel eine bessere Balance zwischen Innen- und Außenspiel fanden, war der knappe Bayreuther Pausenvorsprung rasch Makulatur – zumal sich die Probleme im Defensivrebound nahtlos fortsetzten. Nach einem 11:0-Lauf führte der Aufsteiger erstmals zweistellig mit 69:58 (28.), und man musste sich ernsthaft Sorgen um diese Bayreuther Mannschaft machen. Doch die Gäste kämpften sich aus diesem Tal heraus, sie knickten nicht ein, wie Wohlrath hinterher treffend feststellte. Sie erzielten die ersten sieben Punkte im Schlussabschnitt und tasteten sich so auf 72:73 heran. Zwar antwortete Lowery mit zwei Treffern zum 78:72 für Heidelberg, doch das Momentum blieb auf Bayreuther Seite, weil neben dem durchgängig starken Sajus auch der Backcourt mit Wells und Doreth plötzlich Feuer fing. Höhepunkt des 13:0-Laufs zum 85:78 (36.) war ein Dreier des Kapitäns aus dem Schnellangriff heraus.

Solche Würfe haben ja häufig eine demoralisierende Wirkung auf den Gegner, und das war diesmal nicht anders. Heidelberg verlor jegliche Struktur. Es hätte also ein halbwegs klarer Sieg der Bayreuther werden können – wenn sie nicht das Nervenflattern bekommen hätten. Sie ließen Punkte an der Freiwurflinie liegen oder schoben die Verantwortung so lange zum Nebenmann, bis die Schussuhr fast abgelaufen war. So verkürzte Heidelberg noch einmal auf 87:89 und hatte – natürlich nach einem Offensivrebound – 2,2 Sekunden vor Schluss sogar noch einmal eine Chance zum Sieg oder zumindest zum Ausgleich. Jordan Geist versuchte es trickreich. Bei einem Einwurf unter dem Bayreuther Korb warf er absichtlich an den Rücken von Sajus, schnappte sich sofort den zurückprallenden Ball, brachte dann im Gewühl aber keinen vernünftigen Abschluss mehr zustande. Bayreuth holte den zweiten Saisonsieg – und die Last von den Schultern fiel ab. Eine Niederlage hätte nicht nur die Krise verschärft, sondern auch Wohlraths Leistung überschattet.

Einzelkritik

Sacar Anim (8 Punkte / 19:20 Min. Einsatzzeit / Plus-Minus-Bilanz: 6): Spielte deutlich unauffälliger als zuletzt gegen die Bayern, brachte aber als Energielieferant von der Bank wichtige Impulse. Sehr engagiert in der Defensive, bei Korbattacken mitunter zu ungestüm, woraus zwei seiner drei Ballverluste resultierten; 3/6 Würfe.

MARCUS THORNTON (6 / 21:44 / -15): Beim US-Guard vermisste man die gewohnte Leichtigkeit. Setzte sich in Eins-gegen-Eins-Situationen kaum einmal durch, wirkte fahrig und traf immer wieder schlechte Entscheidungen. 2/9 Würfe und die schlechteste Plus-Minus-Bilanz des Teams belegen die enttäuschende Vorstellung auch statistisch.

KEVIN WOHLRATH (10 / 27:13 / -1): Der Flügelspieler durfte in Abwesenheit des verletzten Janari Joesaar erneut starten und überzeugte auf ganzer Linie. Glänzte in der ersten Halbzeit mit zehn Punkten und perfekter Dreierquote (3/3 Würfe). Bewegte sich gut abseits des Balles. Nahm nach der Pause keinen Wurf mehr, überzeugte aber auch weiterhin mit unermüdlichem Einsatz in der Defensive. Blieb zudem ohne Ballverlust.

Bastian Doreth (9 / 25:49 / 0): Der angeschlagene Kapitän stellte sich in den Dienst der Mannschaft, konnte jedoch nicht wie gewohnt als Spielgestalter wirken (nur ein Assist). Passte aber gut auf den Ball auf und hatte schließlich mit zwei Dreiern entscheidenden Anteil am 13:0-Zwischenspurt des Medi-Teams im Schlussabschnitt.

Philip Jalalpoor:Ohne Einsatz.

ANDREAS SEIFERTH (10 / 16:23 / -7): Schaffte es unter dem Korb zwar phasenweise, seine Längenvorteile auszuspielen (4/6 Würfe), entpuppte sich defensiv aber als Schwachstelle. Kam oft einen Schritt zu spät und ließ sich in Rebound-Duellen zu oft den Schneid abkaufen. Kämpfte zudem frühzeitig mit Foulproblemen.

Moritz Sanders (0 / 0:38 / -2): 38 Sekunden genügten nicht für einen bleibenden Eindruck.

TERRY ALLEN (16 / 34:12 / +1): Agierte in der ersten Halbzeit sehr zurückhaltend und hatte defensiv seine Schwierigkeiten mit der Physis von Kelvin Martin. Fand nach der Pause dann aber nicht nur seinen Rhythmus als Werfer (6/11 Würfe, davon 2/4 Dreier), sondern auch sein Kämpferherz. Hatte in Abwesenheit des erkrankten Kay Bruhnke erneut die längste Einsatzzeit aller Medi-Spieler.

Martynas Sajus (15 / 22:59 / +12): Der Litauer ist aktuell der verlässlichste Medi-Spieler. Nutzte seine Chancen unter dem Korb ohne Fehlwurf (5/5), verwandelte fünf seiner sechs Freiwürfe und stellte dank seiner Beweglichkeit eine ständige Bedrohung für die Heidelberger dar. Angelte sich zudem fünf Offensivrebounds. Auch defensiv ein entscheidender Faktor. Blockte drei Würfe und erschwerte viele weitere.

CAMERON WELLS (15 / 31:42 / +16): Rückte für Doreth in die erste Fünf, schaffte es in der ersten Halbzeit aber nicht, das Spiel zu prägen. Als Scorer ohne Selbstvertrauen, als Regisseur mit Licht und Schatten (fünf Ballverluste). Steigerte sich nach der Pause dann jedoch kontinuierlich und schlüpfte im Schlussviertel in die Anführerrolle, als er zehn seiner 15 Punkte erzielte (3/7 aus dem Feld, 7/9 Freiwürfe). Verdiente sich mit zehn Assists ein Double-Double und verzeichnete den besten Plus-Minus-Wert des Teams.

Statistik

Academics Heidelberg

CHAPMAN (17 Punkte / 31:42 Min. Einsatzzeit / Plus-Minus-Bilanz: -1), WÜRZNER (0 / 17:14 /-13), Lowery (13 / 33:00 / -4), ELY (13 / 30:34 / +1), Ugrai (6 / 11:13 / -2), MARTIN (18 / 32:53 / +9), GEIST (16 / 29:34 / +7), Heyden (0 / 1:16 / -2), Osaghae (4 / 12:34 / -5).

Feldwurfquote: 31/72 (43 Prozent), davon 7/25 Dreier (28 Prozent): Lowery (2/7), Ely (2/8), Ugrai (1/1), Martin (1/2), Geist (1/5); Freiwürfe: 18/23 (78 Prozent); Rebounds: 13 defensiv, 23 offensiv (Chapman 2/7); Assists: 14 (Lowery 6); Effektivität: 89 (Martin 18, Chapman 18, Geist 15, Lowery 13).

Medi Bayreuth

Feldwurfquote: 29/53 (55 Prozent), davon 12/27 Dreier (44 Prozent): Wohlrath (3/3), Doreth (3/6), Allen (2/4), Wells (2/4), Anim (1/3) Thornton (1/7); Freiwürfe: 19/27 (70 Prozent); Rebounds: 20 defensiv, 10 offensiv (Sajus 3/5); Assists: 23 (Wells 10); Effektivität: 104 (Sajus 27, Allen 19, Wells 17, Seiferth 14, Wohlrath 13).

SR: Hack, Streit, Krause.

Zuschauer: 2469.

Stationen: 8:2 (3.), 10:11 (5.), 25:22 (1. Viertel), 26:31 (13.), 34:33 (17.), 40:43 (Halbzeit), 58:58 (26.), 69:58 (28.), 73:65 (3. Viertel), 78:72 (33.), 78:85 (36.), 86:87 (40.), 87:89 (Ende).

 

Bilder