73. Kunstausstellung Kunstverein Bayreuth blickt auf verstörende Zeiten

Im Neuen Schloss zeigen 70 Künstler und Künstlerinnen ihre Werke. Überraschendes und Lustiges ist zu entdecken.

Erinnert an Ikonenmalerei: „Transfer III – Metamorphose“ von Boriana Pertchinska, 80 x 120 cm, Pigment, Acryl auf Jute. Foto: /Ute Eschenbacher

Über 800 Werke sind für die große Sommerausstellung des Bayreuther Kunstvereins in diesem Jahr eingereicht worden. Obwohl viele von ihnen in den Jahren 2020 bis 2022 entstanden sind, werden nicht bei allen Bezüge zu den Krisen dieser Zeit sichtbar. Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und Klimawandel spiegelten sich relativ wenig im künstlerischen Schaffen, bedauert Hans-Hubertus Esser, Vorsitzender des Kunstvereins, bei einem Rundgang durch die Ausstellung.

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Noch am stärksten finde sich die krisenbehaftete Gegenwart in den Arbeiten von Norbert Madsius wieder. Daher sei dieser der einzige Künstler, der zwei Arbeiten ausstelle. Das ist zum einen „Der sonnenbeschienene Waldweg“, der nur scheinbar eine Idylle sei, angesichts vertrockneter und brennender Wälder. Das Großformat hängt neben dem Werk „Schwarze Sonnen“, welke Sonnenblumen vor einem rot leuchtenden Hintergrund, der symbolisch für den Krieg in Europa und die Klimaerwärmung stehe.

Fundstück aus dem Ersten Weltkrieg

Als einen Kommentar zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine könne man die Idee von Barbara Gröne-Trux sehen. Sie habe das Foto einer Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg stark vergrößert, auf der eine zerstörte Kirche zu sehen ist. Die Postkarte aus dem Jahr 1916 ist ein Fundstück der Künstlerin. Das Motiv aus einer scheinbar längst vergangenen Zeit sei auf einmal wieder brandaktuell. Wer hätte gedacht, solche Kriegszerstörungen noch einmal zu erleben?

In diesen Kontext passt für Esser auch das Bild von Stephan Nützel mit dem Titel „Angewidert“. Die Kohle und Kreide Zeichnung des ihn Wien lebenden Künstlers scheint die Stimmung der Zeit widerzugeben. Dem Mann mit herausgestreckter Zunge und russischer Pelzmütze auf dem Kopf scheine es „offensichtlich zum Kotzen zumute“ zu sein. Auf dem Ölgemälde von Jana Jacob aus Berlin reibt sich ein Mann die Augen. „Wie Schnuppen von den Augen“ heißt es – wer weiß, aus welchem Traum er erwacht ist? Und zu wem verwandelt sich Borina Perchinskas Ikone?

„Laufmaschen“ aus tödlichen

Äußerst eindrucksvoll und irritierend zugleich ist Gisela Schwalt-Scherers Objekt „Laufmasche“. Von Weitem sieht es aus wie eine Strickarbeit, bei der eben eine Laufmasche passiert ist. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich: An den dicken Stricknadeln hängt nichts Weiches, Formbares wie Wolle, sondern „Nato-Draht“. Ein besonders heimtückischer Stacheldraht, den die Amerikaner „Razor-Wire“ nennen. Denn wer sich in dem rasiermesserscharfen Draht verfängt, kann sich tödliche Verletzungen zuziehen.

Die Bandbreite der durchweg handwerklich gut gemachten Werke ist vielfältig: Druckgrafiken, Zeichnungen, Fotografien, Gemälde und Skulpturen sind zu sehen. Gerade unter Letzteren lassen sich einige originelle, witzige Arbeiten entdecken. Zum Beispiel die Wolkengebilde der Berlinerin Gudrun Fischer-Bomert, die aus Trinkhalmen gefertigt sind, die von Weitem allerdings wirken, als seien sie aus Watte. Oder Birgit Feils „Thomas oder was bleibt?“ mit einer männlichen Figur aus Acrylgießmasse hinter einer Scheibe, die an das Distanzgebot in der Corona-Zeit erinnert. Sigrid Frey entwarf eine rundliche Frauenfigur in Blau mit tiefem Ausschnitt, die eine Schwimmerin mit Taucherbrille sein könnte. „Blick in die Ferne“ betitelte sie ihre Keramik. Eine Art Friedhof der Kuscheltiere ist Hassan Sheidaei aus Köln gelungen. Der 1984 geborene Künstler presste eine Reihe ausgedienter Stofftiere zu einem Block. Zum „Kuscheln“ fordern diese nur noch ironischerweise auf.

Preisträger ist Peter Coler

Begegnungen mit alten Bekannten bietet die Ausstellung natürlich auch – ob mit Gudrun Schüler („Farblichttraum-Novalis“), die jüngst den Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten erhalten hat, Robert Siebenhaar („Orant“) oder Stephan Klenner-Otto („Turbulenzen über einem kleinen miesen Land“). Als einen „Platzhirsch“ der Bayreuther Kunstszene bezeichnete Esser den Maler Peter Coler. 2003 erhielt dieser den Kunstpreis der Stadt Bayreuth und nun, zwanzig Jahre später, wird er mit dem Kunstpreis des Kunstvereins Bayreuth geehrt. Coler gehörte zu den Gründungsväter des Vereins und der Neuen Gruppe, „eine Laudatio wäre wie Eulen nach Athen tragen“, befand Esser.

Der Preisträger und langjährige, stellvertretende Kunstvereinsvorsitzende arbeite nicht nur im stillen Kämmerlein. Sein Atelier und das Depot seien reichlich mit Bildern gefüllt, die über Bayreuth hinaus nachgefragt seien. Mit dem Kunstpreis werde sein künstlerisches Schaffen geehrt.

Und an noch ein Bayreuther Unikat wird in der Kunstausstellung gedacht: Wo Sarazen alias Werner Baumann, der am 8. August nämlich 100 Jahre alt geworden wäre.

Info: Bis 27. August im Neuen Schloss der Eremitage.