50. Todestag von Wieland Wagner: Kinder erinnern an Gründer von „Neu-Bayreuth“ - samt Seitenhieben "Mein Vater, der Nazi?"

Von Susanne Will

Auch wenn die Wagners keine normale Familie zu sein scheinen – an gewissen Tagen sind sie es doch: Sie sehen sich wie die Müllers zu Geburts- und Todestagen. Wie am 17. Oktober. Vor 50 Jahren starb Wieland Wagner, Wolfgangs Bruder und Richards Enkel. Am Grab in Bayreuth: seine Kinder Wolf Siegfried, Daphne und Nike. Die Wagners wären nicht die Wagners, wenn es weder Seitenhiebe noch Anekdoten gegeben hätte.

In der milden Herbstsonne, die gerade noch wärmt, wurden Hände gegeben und Wangen geküsst. Von einem Knatsch hinter den Kulissen war nichts zu spüren, später stießen Katharina Wagner – Wolfgangs Tochter – und Nike Wagner – Wielands Tochter – miteinander an. Doch vorher verzichtete Nike Wagner am Grab nicht auf einen Seitenhieb.

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"Präpotente Mutter"

Alle drei Wieland-Kinder sprachen am schnörkellosen Steinkreuz, in dem auch Wielands Eltern Siegfried und Winifred liegen. Nike Wagner zitierte eine von Wielands Schulfreundinnen, die ihn als „ärmsten Hund“ beschrieb, sie erzählte von der „präpotenten Mutter“ – der Hitler-Freundin Winifred - , die ihm „lauter falsche Väter vor die Nase setzte“ und vom Bruder Wolfgang, „der ihm den Genuss an ,seinem‘ Erbe Bayreuth verdarb“.

"Stadt Bayreuth hat ihm viel zu verdanken"

Wieland Wagner, der Erbauer von „Neu-Bayreuth“, übernahm 1951 die künstlerische Leitung der Festspiele, während sein Bruder Wolfgang die kaufmännische Leitung hatte. Wie wichtig Wielands Rolle war, erläuterte Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe bei der Feier, zu der etwa 70 Menschen gekommen waren. Er habe es geschafft, dass aus den „moralisch diskreditierten Festspielen“ mit „kompromittierender Vergangenheit“, dass aus dem „Mausoleum auf dem Grünen Hügel“ ein „Zentrum der Avantgarde“ wurde. „Die Stadt Bayreuth hat ihm viel zu verdanken.“

Über die Liebe zum Vater

Nicht ohne Witz begegnete Wolf Siegfried Wagner seinem Vater. „Richard 70 Jahre. Siegfried 60. Wieland 50. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen“, sagte der 72-Jährige. Auch er richtete eine Spitze auf die Familie: „Auch vor und nach dir haben alle alles getan, um an das Amt zu kommen oder dort zu bleiben.“ Zu Wielands Rolle in der Diktatur: „Mein Vater – der Nazi? Du hast nicht darüber geredet wie andere – außer Mutti. Und gefragt haben wir dich nicht.“ Und er sprach auch von seiner Liebe zu diesem Vater.

"Kein Platz für Hunde"

Doch bevor es warmherzig wurde, bog Wolf Siegfried Wagner ab in Richtung Doppelbödigkeit. Er blickte aufs Grab, zählte auf, wer da noch liegt und sagte: „Jemand fehlt: Kein Platz für Hunde.“ Wolf Siegfried Wagner ist Hundefreund, er lebt auf Mallorca mit mindestens zwei Hunden. Eine Anspielung an Hund Russ, der vor Haus Wahnfried zu Füßen seines Herrn Richard begraben liegen soll? Oder auf jemanden aus der Wagner-Familie? „Das kann man so oder so sehen“, sagte Wolf Siegfried Wagner später und schmunzelt. „Es gibt innerhalb der Familie ja – nun, - Beziehungen. Ein Schalk muss erlaubt sein, nach 50 Jahren.“

Eine halbe Zigarette

Mit Tochter Daphne wurde es sehr persönlich: Sie verlas einen Brief, den Wieland Wagner 1952 auf Sylt an seine „verehrten lieben Nachkommen“ schrieb. Der „Papi“ berichtete darin, wie die Mami „um schlank zu werden vier Stück Schwarzbrot, ein Ei, eine Wurst, ein Hörnchen und vier Stück Butter“ frühstückt und danach „eine halbe Zigarette raucht“. Als es um die „blaue Wollhose“ geht, die sich Mutter Getrud „gegen Blasenleiden“ gekauft hat, müssen die Kinder grinsen.

"Belastungen durch Liebes-Ansprüche verschiedener Frauen"

Am Grab stand auch Anja Silja, eine der berühmtesten Sopranistinnen der Welt. Sie war einst Wieland Wagners Geliebte. Wielands Tochter Nike Wagner widmete auch dieser Zeit im Leben ihres Vater einige Worte: Sie sprach von den „Belastungen“, die der Erstgeborene Wieland auszuhalten hatte und ließ auch die „Belastungen durch die Liebes-Ansprüche verschiedener Frauen“ nicht aus. „Und glauben Sie nicht, dass jahrelange Buhrufe an einem Künstler spurlos vorübergehen. Da musste dann schon manche Nacht der geliebte böhmische Pflaumenschnaps her.“

Ein bisschen wie bei Müllers

Im Anschluss an die Kranzniederlegung trafen sich die Gäste im Haus Wahnfried bei Häppchen zum Klavierkonzert. Familienübergreifend wurde geplaudert: Nike, Daphne und Wolf Siegfried mit Katharina und Eva Wagner-Pasquier. Es war ein bisschen wie bei Müllers. Ganz normal.