Vögel zwitschern, das Rauschen des Verkehrs auf der Erlanger Straße durchbricht in Wellen die Stille, die über dem Stadtfriedhof liegt. Zwischen den Wellen hört man das Kratzen von Handrechen, mit denen Angehörige den Schotter um die Gräber ordnen. „Bayreuth muss eine besonders ordentliche Stadt sein. So aufgeräumt, wie der Friedhof ist“, sagt Fiona Laudamus. „Das war das Erste, was mir aufgefallen ist.“ Fiona Laudamus, Landschaftsarchitektin aus Berlin, steht mit einer Gräberliste und einem GPS-gerät, wie es die Geocacher benutzen, vor dem Grab von Friedrich Puchta, trägt die Koordinaten in ihre Liste ein.

Die Koordinaten dienen als Grundlage für die App mit dem Titel „Wo sie ruhen“, die bis November auf den Markt kommen soll. „So etwas gibt es bislang noch nicht: Eine App mit responsivem Design, das sich jeder Oberfläche anpasst. Egal, ob man sie mit dem Notebook, den Tablet-PC oder mit dem Smartphone nutzt. Und die Audio-daten für jedes der bislang ausgewählten 1000 Gräber bereit hält“, sagt Fiona Laudamus. Über die App kann sich der Nutzer mit dem Smartphone „wie mit einem Navigationssystem über den Friedhof leiten lassen“.

Rund 500 000 Euro wird es kosten, die App zu programmieren und mit Leben zu füllen. Das Berliner Büro Hortec, bei dem Laudamus arbeitet, leitet das Projekt im Auftrag der Stiftung Historische Kirch- und Friedhöfe Berlin-Brandenburg. Die Idee für das Modellprojekt ist in Oberfranken entstanden, im Herbst 2012, zwischen Tür und Angel bei einem Mittagessen in Obergräfenthal. Der Kopf dahinter: Der Berliner Schauspieler und Rezitator Hans-Jürgen Schatz, der in Berlin schon Initiator für die Restaurierung berühmter Grabstätten war. „Ich habe damals den Hamburger Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse getroffen, den Berichterstatter für Kultur und Medien im Haushaltsausschuss des Bundestags. Er kam zu mir an den Tisch, wir haben über die Gräber in Berlin gesprochen. Mit ihm ist die Idee für die App entstanden – und ein Jahr später stand das Geld aus dem denkmalschutzprogramm der Bundesregierung zur Verfügung“, sagt Schatz.

Das Ziel: Wissen zugänglich zu machen, die Geschichte der Grabsteine und der Menschen zu erklären. Durch das gesprochene Wort. Denn Schatz spricht seit einigen Wochen bald täglich drei- bis dreieinhalbminütige Sequenzen ein, die voll Jahreszahlen und Informationen stecken. Infos zu Gräbern, zu Friedhöfen, zu Persönlichkeiten. „Knapp 25 Prozent habe ich jetzt geschafft. Eine wichtige psychologische Hürde. Denn am Anfang dachte ich, diese 1000 Beschreibungen sind für einen einzelnen kaum zu schaffen“, sagt Schatz im Gespräch mit unserer Zeitung. Und fügt mit einem Schmunzeln an: „Eine wichtige Erfahrung habe ich dabei schon gemacht: Jahreszahlen – gesprochen – kosten unendlich Zeit.“ Die Beschreibungen, die abgerufen werden können, wenn der Friedhofsbesucher vor dem jeweiligen Grab steht, seien „ein verbraucherfreundlicher und barrierefreier Zugang zu Wissen, das nicht verlorengehen darf. Die App wir eine Art gesprochenes Lexikon“, sagt Schatz.

Die Zahl der Menschen, die sich für die Geschichte der Friedhöfe interessieren, wachse stetig, sagen Schatz und Laudamus. „Weil jeder Friedhof seine besondere Geschichte, seine besondere Architektur hat – verbunden mit der Geschichte der Stadt. Denn das Netzwerk aus dem Leben findet sich auch auf den Friedhöfen wieder“, sagt Schatz. „In Düsseldorf, beispielsweise, liegen viele der großen Industriellen. In Tübingen die wichtigen deutschen Gelehrten“, sagt Laudamus.

25 Gräber sind es im Schnitt pro Friedhof, in Hamburg-Ohlsdorf oder in Berlin können es auch 40 Gräber sein, die beschrieben werden. „Sei es, weil es sich um einen besonders wertvollen Epitaph handelt, um ein Denkmal, das ein bekannter Künstler geschaffen hat. Oder wegen der Person, die dort bestattet wurde“, sagt Schatz.

In Bayreuth – den Friedhof hat Schatz unbedingt mit in die App aufnehmen wollen – sind es unter anderem die historischen Grufthäuser, die per Geodaten erreichbar werden. Oder Grabstätten wie die von Gabriel Luther, 1672 verstorben. „Jurist, Ratsherr, Hof- und Kommerzienrat und aus dem Familienverband Martin Luthers stammend“, wie Schatz sagt. „Natürlich sind die Gräber der Familien Wagner, Steingraeber, Emil Warburgs, Franz Liszts und Jean Pauls auch dabei.“

Oder das der Stecknadelbraut Margaretha Katharina Schlenckin, die am tag ihrer Hochzeit eine Stecknadel verschluckt haben und daran gestorben sein soll. „Eine besonders anrührende Geschichte“, wie Fiona Laudamus findet.