Von allen Prognosen über das Niveau in der neuen Spielklasse bestätigte sich vor allem die, wonach „jeder Fehler bestraft wird“. Im Grunde lässt sich die Entscheidung vor 225 zugelassenen Zuschauern nämlich auf zwei Ballverluste innerhalb von 30 Sekunden reduzieren, die für Haspo alles zuvor Erreichte verdarben. Gerade hatten die Bayreuther in 22 starken Minuten den klaren Pausenrückstand in eine 21:20-Führung verwandelt (52.), da unterliefen ihnen in den beiden folgenden Angriffen zwei Ballverluste, wie man sie zuvor in der zweiten Halbzeit überhaupt nicht gesehen hatte. So konnte der TV Willstätt seine unübersehbare spielerische Krise mit zwei einfachen Kontertoren zum 23:21 überwinden, und danach ließen sich die erfahrenen Gastgeber nicht noch einmal überraschen.

Bemerkenswert bleibt aber trotzdem, dass sich die Bayreuther überhaupt in diese aussichtsreiche Lage gebracht hatten. Bei Halbzeit hatte darauf schließlich noch wenig hingedeutet. Nach spielerisch vielversprechendem Start bis zur 4:2-Führung erzielte der Haspo-Angriff kaum noch Wirkung. Die früh von 5:1- auf 6:0-Formation umgestellte Deckung des TV Willstätt bot nicht mehr die anfänglichen Lücken an, und für die dadurch erzwungenen Würfe aus der zweiten Reihe mangelte es dem mehrfach umgestellten Bayreuther Rückraum an Durchschlagskraft. In dieser Hinsicht war der TV Willstätt insbesondere durch den Schweizer Zweitliga-Torschützenkönig Alexander Velz (10/4 Tore) klar im Vorteil. Da Haspo von den ohnehin nicht zahlreichen klaren Chancen auch noch manche vergab, wuchs der Rückstand stetig an. Mit einem tollen Kempa-Trick von Paul Saborowski nach Pass von Yannick Meyer-Siebert zeigten die Gäste zwar ihr spielerisches Potenzial – aber es war eben erst das siebte Tor nach 25 Minuten. Dass bei Halbzeit überhaupt noch eine gewisse Hoffnung auf eine Wende blieb, war hauptsächlich der engagierten Abwehrarbeit und herausragenden Paraden von Torwart Nick Tornow zu verdanken.

Risiko nach der Pause zahlt sich aus

Umso eindrucksvoller war die Wende nach der Pause. Basis dafür war eine noch offensivere Ausrichtung der 3-2-1-Abwehr mit einem weit vorgezogenen Sven Goeritz. Zunächst fanden die Gastgeber zwar noch ein paar bessere Antworten darauf als die meisten früheren Haspo-Gegner in der Bayernliga, aber tendenziell hatten die Bayreuther damit beständigen Erfolg. Zeitweise blieb für den starken Tornow sogar kaum mehr als Routinearbeit übrig. Gleichzeitig setzten die Gäste auch offensiv auf mehr Risiko und suchten bei jeder Gelegenheit die Chance zum Tempospiel (auch nach Gegentoren). Neben dem schnellen Paul Saborowski bot sich dabei Fabio Nicola am Kreis wiederholt als Option für den Abschluss an.

Zudem hatte der Haspo-Rückraum nun die beste Besetzung gefunden, die nicht mehr verändert wurde: David Schreibelmayer lieferte in der Mitte die Vorarbeit für die sehenswerten Durchbrüche von Saborowski auf der rechten Seite und die nun viel wirkungsvolleren Distanzwürfe von Tobias Gretsch auf der linken. Die Treffer des Neuzugangs aus Landshut vermittelten der einheimischen Deckung, dass es mit purer Defensive eben doch nicht getan war.

Die ganz allmähliche Wende zur Haspo-Führung war somit nicht das Ergebnis einer Verkettung von glücklichen Umständen, sondern eines aktiv veränderten Spielverlaufs. Umso ärgerlicher war es, dass sie so jäh zunichte gemacht wurde.

Statistik

Haspo Bayreuth: Tornow, Hennig – Klein, Nicola (4), Gretsch (3), Reif, Ruoff (1), Berthold, S. Berghammer (1), Saborowski (8), Elschner, Meyer-Siebert, Wopperer (3), Goeritz (1), Herrmannsdörfer, Schreibelmayer (4/1).

Stationen: 2:4 (8.), 9:5 (19.), 13:7 (29.), 13:8 (Halbzeit), 15:9 (32.), 17:15 (42.), 18:17 (47.), 20:21 (52.), 25:21 (56.), 29:25 (Ende).

Trainer Mathias Bracher: "Drei krasse Phasen"

Durchwachsen fiel das Fazit von Haspo-Trainer Mathias Bracher aus: „Es waren drei krass unterschiedliche Phasen. Nach gutem Start bekommen wir erst mal einen 9:2-Lauf gegen uns. Da waren wir richtig schlecht, und da haben wir das Spiel wahrscheinlich auch verloren. Nachdem wir dann mit sechs Toren hinten waren, haben wir dann aber 22 Minuten lang wirklich super gespielt. Vor allem die Abwehr war richtig gut.“

Die beiden schnellen Gegentore nach der Führung bewertet auch der Coach als einen Knackpunkt, aber einen Vorwurf will er seinem Team daraus nicht machen: „Da hatten wir auch kein Glück mit den Schiedsrichter-Entscheidungen. Im einen Fall hätten wir einen Foulpfiff bekommen können, und im anderen wurde ein Schrittfehler gepfiffen, der ein Witz war. Deswegen haben auch alle so perplex geschaut, was das gewesen sein sollte. Aber natürlich dürfen wir uns trotzdem die Gegenstöße nicht so einhandeln.“

Aus seiner unterschiedlichen Wechseltaktik in beiden Halbzeiten will Bracher keinen Fingerzeig für die nächsten Spiele ableiten: „In der ersten Halbzeit hat es so gestockt, dass man einfach viel probieren musste. Wenn es dann aber so gut läuft wie in der zweiten, will man nichts mehr ändern.“ Unterm Strich nimmt der Haspo-Trainer Positives mit: „Die starke Phase nach der Pause lässt hoffen. Da haben wir gesehen, wie wir spielen müssen.“