„Politisch war ich nicht aktiv“, sagt Weiss. Überhaupt habe sich die Rebellion der 68er ja in erster Linie in den großen Zentren abgespielt, „wir haben da kaum etwas mitbekommen“. Sondern nur aus dem Radio und den Zeitungen mitbekommen, was sich da so abspielte in Berlin oder Hamburg oder München. In den Universitätsstädten vornehmlich.

„Bayreuth hatte noch keine Uni“ – und im Hause Weiss gab es „wie bei vielen“ noch keinen Fernseher. Pegnitz, die ganze Fränkische Schweiz, sei so etwas wie eine Insel gewesen, eine heile Welt abseits des zum Teil dramatischen und oft auch gewaltsamen Geschehens mit Studenten-Demos und großen Polizeieinsätzen.

Ziemliche Fahrerei

In dieser dörflichen Idylle war Weiss als Kantor tätig in der evangelischen Kirchengemeinde. 1968 wurde er befördert, wurde zum Bezirkskantor – heute Dekanatskantor – gekürt. Und das gleich für zwei Dekanate, für Pegnitz und für Muggendorf, „dort gab es noch keinen hauptamtlichen“.

Das machte er bis 1974, dann war Schluss mit Muggendorf. „Mir war einfach die Fahrerei zu viel, ich hatte Schüler von Ebermannstadt bis Aufseß, das ging nicht mehr“, sagt Weiss.

Zumal er genügend andere Aufgaben zu bewältigen hatte. Das hatte dann doch etwas mit der Politik zu tun. Mit der Gebietsreform 1972, durch die der Landkreis Pegnitz Vergangenheit war. Das gefiel Weiss so gar nicht: „Ich wollte nicht, dass zwischen Bayreuth und Nürnberg ein kulturelles Vakuum entsteht.“

Viel Skepsis im Spiel

Weiss rief mit ein paar Mitstreitern die Pegnitzer Sommerkonzerte ins Leben. Durchaus gegen Widerstände von Leuten, die diesem Projekt keine Zukunftschance einräumten, „da war viel Skepsis im Spiel“.

Einer, der ihn unterstützte, war der Pegnitzer Robert Sistek. Der spielte im Bayreuther Festspielorchester, holte für die neue Konzertreihe ein Quartett aus diesem illustren Musikerkreis nach Pegnitz. Nun, die Sommerkonzerte existieren heute noch, haben sich aus zarten und durchaus schwierigen Anfängen zu einem festen Bestandteil des Pegnitzer Kulturlebens entwickelt. Darauf ist Roland Weiss stolz. 

Immer an seiner Seite stand dabei seine Frau Karin. Und da sind wir wieder im Jahr 1968, diesem besonderen Jahr in der Biografie von Roland Weiss. Denn neben der Ernennung zum Bezirkskantor war seine Heirat am 18. Mai ein prägendes Ereignis, vor kurzem feierten die beiden goldene Hochzeit.

Das erste Oratorium

Auch kirchenmusikalisch tat sich etwas: „Im Dezember 1968 führte ich mit der Kantorei mein erstes Oratorium auf.“ Auch so eine Einrichtung, die bis heute Bestand hat.

Nicht zuletzt rief Weiss einen Förderkreis zur Förderung der Kirchenmusik ins Leben. Ein wichtiger Schritt, „der sich gelohnt hat“, so Weiss. Inzwischen ist aus dem Förderkreis ein Förderverein geworden.

Was hat sich sonst noch verändert in diesen 50 Jahren? Pegnitz? Die Pegnitzer? Nun, sagt Weiss, „alles ändert sich letztlich immer“. Also fast alles: „Die Pegnitzer waren schon immer sehr kritische Menschen.“ Kein Vorwurf. Eine Feststellung.

Geändert habe sich auf jeden Fall einiges in der Kirchenmusik, in dem Gottesdienst, in der Liturgie. Alles sei moderner geworden: „Gospels oder Spirituals in den 1960er Jahren? Das wäre völlig undenkbar gewesen.“ Das Kirchenvolk war sehr konservativ gestrickt. 

Volle Gotteshäuser

Dafür waren die Gotteshäuser noch voll, „ich war als Organist zum Teil bei neun Gottesdiensten pro Woche im Einsatz“. Allein in Pegnitz, ganz abgesehen von seinen sonstigen Aktivitäten in den beiden Dekanaten.

Das war einmal. Ein Gottesdienst nach dem anderen verschwand mangels Resonanz aus dem Gemeindeleben. Dafür stieg die Zahl der Gospelchöre sprunghaft an in den vergangenen 20, 25 Jahren – „fast jeder Ort hat da heute einen, da hat sich viel getan“.

Roland Weiss hatte als Kantor seit 1966 eine zentrale Aufgabe zu meistern – die Ausbildung. Und da hatte er ein Problem, dass im Kollegenkreis auch bei Fachtagungen immer wieder Thema war. Für Schüler, die nicht am Klavier „vorgebildet“ waren und bei null anfangen mussten, gab es kein geeignetes Notenmaterial. 

Orgelschule noch heute gefragt

Was Weiss veranlasste, selbst als Autor tätig zu werden. Er verfasste eine „Orgelschule“. Und dachte „in meinem jugendlichen Leichtsinn“, das müsste rasch zu schaffen sein. „Gedauert hat es dann vier Jahre. Und weitere zwei, bis es verlegt wurde.“ Gelohnt hat sich der Aufwand auf jeden Fall, „die Verlage verkauft sie heute noch, das wird nachgefragt“. 

Nachgefragt wird auch Roland Weiss trotz seines Ruhestands. An den Kirchenorgeln in der Region weit über Pegnitz hinaus ist er regelmäßig im Einsatz, dort, wo er gerade gebraucht wird, weil jemand ausfällt. Auch mit dem Posaunenchor, den er über Jahrzehnte hinweg aufgebaut und ihm seinen Stempel aufgedrückt hat. Nicht nur als Dirigent, sondern auch als aktiver Musiker mit dem Instrument an den Lippen. 

Nicht zu vergessen: Weiss ist nicht nur ein ausgezeichneter Organist, er ist auch ein Orgelkenner. Kein Wunder also, dass er auch als Gutachter ein begehrter Mann war und noch ist. 1974 wurde er zum Orgelsachverständigen für die Landeskirche Bayern berufen, 2002 zum „öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Orgelbau- und Harmoniumhandwerk“ durch die Handwerkskammer Oberfranken. In dieser Funktion hat er jetzt aber den Rückzug angetreten: „Den Bau der neuen Orgel in Creußen begleite ich noch, dann ist Schluss.“

Viele Ehrungen

Damit schließt sich auch ein Kreis. Ist Roland Weiss doch gebürtiger Creußener, hat hier die Schule besucht, hat hier die Gesellenprüfung als Werkzeugmacher abgelegt, ehe er sich dann in die musische Richtung orientierte und an der Kirchenmusikschule in Bayreuth studierte.

Irgendwie logisch, dass sein Wirken auch mit diversen Ehrungen gewürdigt wurden. Ein Auszug: 1979 Ernennung zum Kirchenmusikdirektor; 1981 Verleihung des Kulturpreises des Landkreises Bayreuth; 1993 Verleihung der silbernen Bürgermedaille der Stadt Pegnitz; 2001 Verleihung der silbernen Medaille des Bezirks Oberfranken für besondere Verdienste; 2002 Verleihung der goldenen Bürgermedaille der Stadt Pegnitz.

Würde er alles noch einmal genau so machen? „Ja, ganz klar“, sagt Roland Weiss.