Auch Sebastians Anwalt versucht zu erklären. Es sei eine „Mischung aus Naivität und Mitleid“ gewesen, die seinen jungen Mandanten zu der Tat getrieben hätten. Der Kampf um Anerkennung, die Angst nicht zu genügen – alles spiegelt sich in der Tat wieder.
600 Euro gestohlen
Sofort nach der Tat schickt er SMS an seine Freunde, genau jene, bei denen er auch um Anerkennung kämpfte. Er hat Angst, dass sie den Kontakt mit ihm abbrechen. Dabei habe er doch nur „ihren letzten Wunsch erfüllt“. Aber einer dieser „Freunde“ beschuldigt ihn sogar, mit der Tat seine Diebstähle vertuschen zu wollen. 600 Euro hatte er im Laufe seines Praktikums gestohlen. Aber nicht bei Maria F., der 100-Jährigen. Die blinde Frau habe keine Verwendung für Geld gehabt, sagt der Anwalt.
Gegen Sebastian wird jetzt gleich zweimal Anklage erhoben: wegen Tötung auf Verlangen und wegen des Versuchs. Bisher hat er seine Eltern nur zwei Stunden im Monat gesehen, ausnahmsweise waren seine Schwestern bei seinem 18. Geburtstag. Seine Mutter wird mit im Verhandlungssaal sitzen, eine Ausnahme. Denn der Prozess findet vor der Jugendkammer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gerade die Mutter, sie ist Hausfrau und hilft in der Praxis mit, war danach „am Boden zerstört“, sagt der Anwalt. Vor Gericht aussagen könne sie einfach nicht.
Klar, die Familie stehe hinter ihm. Aber etwas hat sich geändert. Niemand mache die Familie verantwortlich für die Tat. Aber „atmosphärisch“ sei etwas da, sagt Heinrich. Sebastian erwartet ein Strafmaß zwischen zweieinhalb und vier Jahren. „Deals gibt es nicht“, sagt er. Dass Sebastian nach der Verhandlung auf Bewährung frei kommt, sei unwahrscheinlich. Aber die Zeit seiner Unterbringung wird angerechnet. Bei guter Führung darf er nach der Hälfte raus. Die Gutachter machen den Eltern Hoffnung: Sie stellen eine günstige Prognose. Sebastian werde straffrei leben.
Neu anfangen
Aber er müsse weg aus dem alten Umkreis, sagt sein Anwalt. Neu anfangen. Er werde nicht mehr einfach hierher zurückkehren können.
Am Ende der Woche wird voraussichtlich das Urteil fallen. Sebastian könnte in ein Jugendgefängnis an der österreichischen Grenze untergebracht werden. Noch weiter weg von seinen Eltern. Dort wird er einer der Ältesten sein.
Es wird schwer werden für Sebastian. Wie schwer zeigt das: Gefragt nach dem, was ihm im Moment am meisten fehle, sagt er: Umarmungen.